Die heutige Entscheidung des Bundestags zur Reform des Wehrdienstgesetzes markiert einen Wendepunkt in der deutschen Verteidigungspolitik. Mit 370 Ja-Stimmen haben die Abgeordneten für die Einführung eines verpflichtenden Fragebogenverfahrens gestimmt, das künftig alle jungen Menschen betrifft. Rund 400.000 deutsche Staatsbürger:innen werden jährlich nach ihrem 18. Geburtstag Post von der Bundeswehr erhalten.
Der Gesetzentwurf sieht vor, dass die Bundeswehr künftig gezielt diejenigen zur Musterung einladen kann, die Interesse an einem Dienst zeigen. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) bezeichnete die Reform als «ersten wichtigen Schritt», um die Personallücken bei der Bundeswehr zu schließen. «Wir brauchen mehr Soldatinnen und Soldaten für die Landes- und Bündnisverteidigung», erklärte er während der Debatte.
Seit Jahren kämpft die Truppe mit sinkenden Bewerberzahlen. Der Wegfall der Wehrpflicht 2011 hat tiefe Spuren hinterlassen. Bei meinem letzten Besuch einer Kaserne in Baden-Württemberg wurde mir die angespannte Personallage deutlich vor Augen geführt: Viele Einheiten sind nur zu 70 Prozent besetzt.
Die Opposition kritisierte das Vorhaben scharf. «Diese Reform ist ein zahnloser Tiger», so Johann Wadephul (CDU), der stattdessen eine Rückkehr zur allgemeinen Wehrpflicht forderte. Die Linke hingegen lehnt jede Form von Militärdienst grundsätzlich ab.
Für viele junge Menschen bedeutet das Gesetz zunächst nur zusätzliche Bürokratie. Ob es tatsächlich mehr Freiwillige in die Kasernen bringt, bleibt abzuwarten. Fakt ist: Deutschland muss angesichts der veränderten Sicherheitslage in Europa seine Verteidigungsfähigkeit neu bewerten. Die Frage, wie wir unsere Freiheit schützen, geht uns alle an – nicht nur die in Uniform.