Die Ruhrgebietsstadt Essen hat einen unrühmlichen Spitzenplatz im aktuellen Luftqualitäts-Ranking belegt. Unter 375 europäischen Städten landet Essen auf Platz 352. Damit zählt die Luft in der ehemaligen Kohle- und Stahlmetropole zu den am stärksten belasteten in Europa, wie das European City Air Quality Ranking zeigt. Die Daten stammen vom Schweizer Unternehmen IQAir, das Luftmessungen weltweit auswertet.
Für mich als langjährige Beobachterin der Umweltpolitik ist das Ergebnis besonders bitter. Die Stadt hatte sich als «Grüne Hauptstadt Europas 2017» erhebliche Mühe gegeben, ihr Image zu verbessern. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache.
Konkret liegt die Feinstaubbelastung mit durchschnittlich 12,3 Mikrogramm pro Kubikmeter deutlich über dem von der WHO empfohlenen Wert von 5 Mikrogramm. Dies bedeutet für die rund 580.000 Einwohner ein erhöhtes Gesundheitsrisiko.
«Luftverschmutzung ist der größte umweltbedingte Gesundheitsrisikofaktor in Europa», erklärt Prof. Barbara Hoffmann vom Universitätsklinikum Düsseldorf. «Feinstaubpartikel dringen tief in die Lunge ein und können Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Atemwegserkrankungen verursachen.»
Die Hauptverursacher sind nach wie vor der Verkehr und die Industrie im Ruhrgebiet. In meinen Gesprächen mit Anwohnern höre ich immer wieder Klagen über die spürbare Luftverschmutzung. «Wenn ich morgens die Fenster putze, ist nachmittags schon wieder eine graue Schicht drauf», berichtet Anwohnerin Marion Becker (58) aus Essen-Altenessen.
Die Stadt Essen reagiert mit Verweis auf Fortschritte in der Luftreinhaltung. Seit dem Ende der Kohleära habe sich vieles verbessert, doch der Verkehr bleibe ein Problem. Dezernent Peter Renzel betont: «Wir arbeiten intensiv an Maßnahmen zur Verkehrsreduktion und fördern umweltfreundliche Mobilität.»
Was bedeuten diese Zahlen für uns? Die Essener müssen weiterhin mit gesundheitlichen Risiken leben. Gleichzeitig zeigt das Beispiel, wie schwer es ist, industrielle Vergangenheit und gesunde Zukunft zu vereinbaren.
Bleibt zu hoffen, dass dieser alarmierende Befund die Verantwortlichen zu entschlossenerem Handeln bewegt – denn saubere Luft ist kein Luxus, sondern ein Grundrecht.