Die Bilder aus Brüssel sind erschütternd. Was als friedlicher Protest gegen das EU-Mercosur-Abkommen begann, ist in Gewalt eskaliert. Brennende Traktoren vor dem EU-Parlament, über 200 Verletzte und ein Gesundheitssystem, das an seine Grenzen stößt. «Wir sehen hier Verletzungsmuster, die wir sonst nur aus Kriegsgebieten kennen», erklärt Dr. Katharina Weber vom Brüsseler Sankt-Elisabeth-Krankenhaus. Die Situation erinnert an die Gelbwesten-Proteste in Frankreich 2019, jedoch mit einer besorgniserregenden medizinischen Dimension.
Der Konflikt um das Handelsabkommen hat eine kaum beachtete gesundheitspolitische Komponente. Erstens: Die geplante Harmonisierung der Arzneimittelzulassung könnte europäische Qualitätsstandards untergraben. Zweitens: Der erleichterte Import von Agrarprodukten droht Antibiotikaresistenzen zu verschärfen. Drittens: Die Überlastung der Rettungsdienste durch die Proteste offenbart strukturelle Schwächen im europäischen Krisenmanagement.
«Die EU-Kommission hat bei der Folgenabschätzung des Abkommens den Gesundheitssektor schlicht vergessen», kritisiert Maria Gonzalez vom European Health Forum. In Uruguay und Argentinien haben ähnliche Deregulierungen im Pharmasektor bereits zu Versorgungsengpässen geführt. Die Weltgesundheitsorganisation warnt in ihrem jüngsten Bericht vor einer «stillen Pandemie der Antibiotikaresistenzen», die durch den verstärkten Handel mit Mercosur-Staaten droht.
Im Schatten der Gewalt stehen Menschen wie die 62-jährige Krankenschwester Elise Dubois, die Überstunden schiebt, um Verletzte zu versorgen. «Das System kollabiert, während Politiker über Zölle streiten», sagt sie. Die Proteste werfen fundamentale Fragen auf: Wie können wir Handelsabkommen gestalten, die nicht nur wirtschaftliche, sondern auch gesundheitliche Folgen berücksichtigen? Die Antwort darauf wird nicht nur über die Zukunft der EU-Mercosur-Beziehungen entscheiden, sondern auch über die Belastbarkeit unserer Gesundheitssysteme in einer zunehmend vernetzten Welt.