Als wir gestern durch Mödlareuth fuhren, war kaum zu glauben, dass hier einst eine Mauer stand. Der kleine Ort an der bayerisch-thüringischen Grenze, oft als «Little Berlin» bezeichnet, wurde während der deutschen Teilung brutal zerschnitten. Der Tännigbach, ein unscheinbares Gewässer, wurde 1952 zur Grenze zwischen zwei Welten.
«Ich durfte jahrelang meine Cousine nicht besuchen, obwohl sie nur 50 Meter entfernt wohnte», erzählt Anwohnerin Helga Schneider (73), während sie auf die andere Straßenseite zeigt. 1966 baute die DDR hier eine 700 Meter lange Betonmauer – mitten durchs Dorf. Familien wurden getrennt, Freundschaften zerrissen.
Im westlichen Teil lebten 50 Menschen in Bayern, im östlichen etwa 30 in Thüringen. Was in Berlin im Großen geschah, wiederholte sich hier im Kleinen. Mit Stacheldraht, Selbstschussanlagen und Wachtürmen verwandelte die DDR das Dorf in eine Festung. Der Kalte Krieg zeigte sich hier in seiner absurdesten Form.
Als US-Vizepräsident George Bush Senior 1983 Mödlareuth besuchte, nannte er den Ort erschüttert «das krasseste Beispiel für die Widernatürlichkeit der innerdeutschen Grenze».
Am 9. Dezember 1989, genau einen Monat nach dem Mauerfall in Berlin, öffnete sich auch hier die Grenze. Nachbarn fielen sich in die Arme, weinten, feierten. Heute erinnert ein Freilichtmuseum an diese Zeit.
Was mich bei jedem Besuch bewegt: Die Stille des Ortes steht in krassem Gegensatz zur Dramatik seiner Geschichte. Mödlareuth mahnt uns: Grenzen in Köpfen sind gefährlicher als jene auf Landkarten. In Zeiten neuer Mauern und Gräben in Europa bleibt dieses bayerisch-thüringische Dorf ein Ort, an dem Geschichte begreifbar wird.