In Essen suchen immer mehr Frauen mit ihren Kindern Zuflucht vor häuslicher Gewalt. Jede dritte Frau in Deutschland erlebt laut Statistik mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Übergriffe. Die Frauenhäuser in unserer Stadt sind kontinuierlich überfüllt. Erst letzte Woche musste die Polizei zu einem Einsatz im Nordviertel ausrücken, wo ein 41-jähriger Mann seine Partnerin vor den gemeinsamen Kindern schwer misshandelt hatte.
«Die meisten Männer schlagen zu, weil sie es können», erklärt Sozialarbeiterin Martina Weber vom Essener Frauenhaus. «Häusliche Gewalt ist selten ein einmaliger Ausrutscher, sondern ein Muster von Kontrolle und Machtmissbrauch.» In ihrer 15-jährigen Berufserfahrung hat sie hunderte traumatisierte Frauen begleitet. Die Dunkelziffer sei erschreckend hoch.
Die Pandemie hat die Situation verschärft. Die Essener Beratungsstellen verzeichneten 2023 einen Anstieg der Hilfesuchenden um 28 Prozent. Besonders alarmierend: Immer öfter sind Kinder Zeugen der Gewalt.
«Als ich kam, hatte ich nur eine Plastiktüte dabei und meine Tochter an der Hand», berichtet eine 34-jährige Betroffene, die anonym bleiben möchte. Sie lebte zehn Jahre mit einem Mann zusammen, dessen Kontrolle und Aggressionen stetig zunahmen. «Der schwierigste Schritt war, zu erkennen, dass ich gehen muss.«
Auch die Essener Politik reagiert. Der Stadtrat beschloss kürzlich die Aufstockung der Mittel für Beratungsangebote. «Wir brauchen mehr als nur Notunterkünfte», betont Stadtrat Michael Schwarz. «Prävention und langfristige Unterstützung sind genauso wichtig.«
Was mich bei meinen Recherchen immer wieder berührt: der Mut der Frauen, die neu anfangen. Sie zeigen eine Kraft, die oft übersehen wird. Doch die gesellschaftliche Verantwortung bleibt. Häusliche Gewalt ist kein Privatproblem. In Essen wie überall gilt: Wegschauen ist keine Option mehr.