Die Stadt atmet Geschichte, während ich heute durch die Höfe des Sanierungs-Vorzeigegebiets in Kreuzberg schlendere. Vor genau 50 Jahren begann hier der Architekt Hardt-Waltherr Hämer sein Lebenswerk: Die Rettung der Berliner Altbausubstanz. Seine «behutsame Stadterneuerung» verhinderte den Abriss von über 10.000 Wohnungen – ein Konzept, das Berlin bis heute prägt.
«Wir wollten damals keinen sozialen Kahlschlag», erinnert sich Otto Nagel, ehemaliger Mitarbeiter Hämers. «Die Menschen sollten in ihren Kiezen bleiben können.» Hämer kämpfte gegen die damalige Kahlschlag-Sanierung, bei der ganze Straßenzüge abgerissen werden sollten.
An der Ecke Oranienstraße treffe ich Gudrun Meyer, die seit 45 Jahren hier wohnt. «Ohne Hämer wäre ich längst weggezogen worden», sagt sie und zeigt auf ihr Wohnhaus mit dem prachtvollen Stuck. Damals galt es als unbewohnbar – heute ist es ein Schmuckstück im Kiez.
Was mich bei meinen Gesprächen mit den Anwohnern immer wieder beeindruckt: Sie sprechen von Hämer wie von einem alten Freund. Er hat Bauherrn, Mieter und Politik an einen Tisch gebracht – eine Beteiligungskultur, die in den 70ern revolutionär war.
Das Erbe Hämers zeigt sich nicht nur in der erhaltenen Bausubstanz. Es prägt auch die aktuelle Diskussion um bezahlbaren Wohnraum. Bei der Verleihung des Hämer-Preises für Stadtentwicklung letzte Woche fragte die Senatorin: «Wie würde der große Stadtplaner die heutige Wohnungsnot lösen?» Eine Antwort darauf könnte in seinen Ideen der Partizipation und Gemeinschaftlichkeit liegen.
Während neue Investoren heute von «Luxussanierung» sprechen, wäre es wohl ganz im Sinne Hämers, an sein Vermächtnis zu erinnern: Stadt ist für die Menschen da – nicht umgekehrt.