Article – Die Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof hat Deutschland verändert. Hunderte Frauen wurden Opfer sexueller Übergriffe, während die Polizei überfordert war. Knapp 1.200 Anzeigen gingen ein, doch nur wenige Täter wurden verurteilt. Zehn Jahre später bleibt die Frage: Wie hat dieses Ereignis unsere Gesellschaft geprägt?
«Es war ein Wendepunkt in der Flüchtlingsdebatte», sagt Migrationsforscherin Naika Foroutan. Die anfängliche Willkommenskultur wich einer härteren Gangart in der Asylpolitik. Das Sexualstrafrecht wurde verschärft, der Grundsatz «Nein heißt Nein» gesetzlich verankert.
Als ich damals die ersten Berichte erhielt, konnte niemand das volle Ausmaß erahnen. In den Tagen danach war die Stimmung in Köln spürbar angespannt. Die Menschen wollten Antworten, die Behörden konnten kaum welche geben.
Die Polizei hat ihre Einsatzstrategien grundlegend überarbeitet. «Wir haben aus den Fehlern gelernt«, erklärt Kölns Polizeipräsident Johannes Hermanns. Videokameras überwachen heute den Bahnhofsvorplatz, Hundertschaften stehen bei Großveranstaltungen bereit.
Geblieben ist eine gesellschaftliche Verunsicherung. Die Ereignisse werden bis heute politisch instrumentalisiert. Rechte Parteien gewinnen mit dem Thema Stimmen, während Hilfsorganisationen beklagen, dass die Debatte zu pauschalen Vorurteilen gegenüber Geflüchteten geführt hat.
Zehn Jahre nach der Kölner Silvesternacht bleibt die Frage: Haben wir die richtigen Lehren gezogen? Der gesellschaftliche Diskurs über Migration, Sicherheit und den Schutz von Frauen ist komplexer geworden – eine einfache Antwort gibt es nicht.