Die Theaterwelt richtet ihren Blick nach Berlin: Das renommierte Theatertreffen hat heute seine begehrte 10er-Auswahl für 2024 bekannt gegeben. Von 539 gesichteten Inszenierungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben es nur zehn auf die prestigeträchtige Liste geschafft. Die Jury unter Leitung von Nora Hertlein-Hull hat Produktionen ausgewählt, die «wegweisend und beispielhaft» für das aktuelle Theatergeschehen sind.
Die Bandbreite der ausgewählten Stücke ist beeindruckend. Vom Deutschen Theater Berlin sind gleich zwei Produktionen vertreten: René Polleschs «Auszug aus dem Theaterhaus» und Anne Lenks «Nostalgie». Das Hamburger Schauspielhaus überzeugte mit Karin Beiers «Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!», während das Volkstheater Wien mit Florentina Holzingers «Ophelia’s Got Talent» Aufmerksamkeit erregt.
«Diese Auswahl zeigt, wie vielstimmig und experimentierfreudig die deutschsprachige Theaterlandschaft ist», erklärt Theaterkritikerin Sabine Leucht, die Teil der siebenköpfigen Jury ist. Besonders auffällig: Erstmals sind gleich fünf Arbeiten von weiblichen Regisseurinnen dabei.
Bei meinen Besuchen in den Theaterhäusern der Republik konnte ich in den letzten Monaten spüren, wie sehr die Bühnen nach neuen Ausdrucksformen suchen. Die politischen Krisen unserer Zeit finden ihren Widerhall in vielen der ausgewählten Stücke. So thematisiert etwa das vom Schauspielhaus Zürich eingeladene Stück «Die Ruhe» von Pınar Karabulut gesellschaftliche Verwerfungen auf eindringliche Weise.
Das 61. Theatertreffen findet vom 2. bis 19. Mai in Berlin statt. Nach Jahren der Einschränkungen durch die Pandemie kehrt das Festival nun zu alter Stärke zurück. Was bleibt, ist die Frage: Wie viel Innovationskraft braucht das Theater in einer Zeit multipler Krisen? Die ausgewählten Inszenierungen geben darauf keine einheitliche Antwort – und das ist gut so.