Die Diskussion um die telefonische Krankschreibung nimmt wieder Fahrt auf. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken kündigte gestern an, die bestehende Regelung auf den Prüfstand zu stellen. «In Zeiten, in denen wir hybrides Arbeiten als Normalität betrachten, müssen wir auch unsere Gesundheitsversorgung entsprechend anpassen», erklärte die Ministerin bei einer Pressekonferenz in Berlin. Die seit 2023 dauerhaft etablierte Möglichkeit der telefonischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung hatte nach der Pandemie zunächst für Entlastung gesorgt – doch nun zeigen sich Nebenwirkungen.
Nach aktuellen Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums ist die durchschnittliche Krankheitsdauer seit Einführung der Regelung um knapp 2,3 Tage gestiegen. Prof. Dr. Margarete Hölzl von der Charité Berlin sieht darin ein zweischneidiges Schwert: «Einerseits ermöglicht die telefonische Krankschreibung Menschen mit leichten Erkrankungen, sich zu schonen, ohne Praxen zu belasten. Andererseits fehlt manchmal die persönliche Einschätzung durch den Arzt.» Die Kassenärztliche Bundesvereinigung berichtet von einem Rückgang der Praxisbesuche um fast 18 Prozent bei bestimmten Erkrankungsbildern.
Interessant ist der Blick nach Dänemark, wo ein ähnliches System bereits seit 2019 besteht. Dort hat man nach anfänglichem Anstieg der Krankheitstage mittlerweile eine Stabilisierung beobachtet. Dr. Lukas Mertens vom Verband der Betriebsärzte gibt zu bedenken: «Die Frage ist nicht, ob wir telefonische Krankschreibungen anbieten, sondern wie wir das System so gestalten, dass es nicht missbraucht wird und trotzdem die Vorteile behält.» Er verweist auf die Erfolge des dänischen Modells mit seiner Beschränkung auf maximal drei Tage.
Ich erinnere mich noch an die hitzigen Debatten während der Corona-Zeit. Damals wie heute geht es letztlich um das richtige Gleichgewicht zwischen Versorgungsqualität und Zugänglichkeit. Ministerin Warken betonte, man wolle «keine Rolle rückwärts», aber durchaus nachsteuern. Eine Entscheidung wird bis Herbst 2026 erwartet. Bis dahin bleibt die telefonische Krankschreibung – wie gehabt – auf maximal fünf Tage begrenzt. Für Patienten und Ärzte bedeutet dies erstmal: Es bleibt beim Status quo, während hinter den Kulissen um die Zukunft gerungen wird.