Die Praxen sind überfüllt, Ärzte überlastet und für viele Patienten wird es zunehmend schwieriger, zeitnah einen Termin zu bekommen. In dieser angespannten Situation hat der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, einen kontroversen Vorschlag eingebracht: Die Abschaffung der Krankschreibung in den ersten drei Krankheitstagen. «Für eine einfache Krankschreibung muss niemand in die Praxis kommen», betonte Gassen gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung.
Sein Argument leuchtet zunächst ein: Bei leichten Erkrankungen wie Erkältungen könnten sich Patienten selbst auskurieren, ohne wertvolle Arzttermine zu blockieren. Die Praxen würden entlastet, während die wirklich Kranken schneller Hilfe bekämen. Ein System, das in anderen europäischen Ländern wie Schweden oder Großbritannien bereits Alltag ist. Dort müssen Arbeitnehmer für kurze Krankheitsphasen keine ärztliche Bescheinigung vorlegen.
Die Reaktionen fallen erwartungsgemäß gemischt aus. Während Arbeitgeberverbände dem Vorschlag offen gegenüberstehen, zeigen sich Gewerkschaften besorgt. «Das wäre ein Freifahrtschein für Arbeitgeber, Druck auf kranke Beschäftigte auszuüben», warnt Anja Piel vom DGB-Bundesvorstand. Auch aus medizinischer Sicht gibt es Bedenken: Gerade in frühen Krankheitsstadien kann eine professionelle Einschätzung wichtig sein, um schwerwiegendere Verläufe zu verhindern.
Was in der Debatte oft untergeht: Bereits heute können sich Patienten bei leichten Erkrankungen telefonisch krankschreiben lassen. Diese während der Corona-Pandemie eingeführte Regelung wurde verstetigt und entlastet die Praxen spürbar. Doch reicht das aus?
Die grundsätzliche Frage bleibt: Brauchen wir mehr Eigenverantwortung im Gesundheitssystem oder würde eine solche Reform vor allem vulnerable Gruppen treffen? Das letzte Wort ist hier sicherlich noch nicht gesprochen – und auch die Politik hält sich bislang mit einer klaren Positionierung zurück.