In seiner wohl letzten Neujahrsrede als Ministerpräsident hat Winfried Kretschmann die «stillen Schaffer» in Baden-Württemberg gewürdigt. Bei einem Empfang im Stuttgarter Neuen Schloss dankte der Grünen-Politiker am Mittwoch jenen Menschen, die täglich im Verborgenen unsere Gesellschaft am Laufen halten – von Pflegekräften über Polizisten bis zu Müllwerkern und Busfahrern.
«Auf wen können wir uns wirklich verlassen, wenn es darauf ankommt?», fragte Kretschmann vor rund 1.500 Gästen. «Es sind die Menschen, die nicht ständig im Rampenlicht stehen, sondern die im Alltag einfach anpacken.» Diese stillen Schaffer seien das eigentliche Rückgrat unserer Gesellschaft. Der 75-Jährige erinnerte an seine eigene Herkunft aus einfachen Verhältnissen, wo er gelernt habe, wie wichtig praktische Arbeit sei.
Nach zweieinhalb Jahrzehnten in der Landespolitik und fast 13 Jahren als Ministerpräsident will Kretschmann bei der Landtagswahl 2026 nicht mehr antreten. Sein Auftritt beim traditionellen Neujahrsempfang war entsprechend emotional. Als ich ihn während seiner Rede beobachtete, wirkte er nachdenklicher als sonst, aber auch gelöster – als fiele schon jetzt eine Last von seinen Schultern.
Bemerkenswert war Kretschmanns direkter Appell an die Bürgerinnen und Bürger, Extremismus entgegenzutreten. «Wir brauchen eine wache Zivilgesellschaft, die sich Hass und Hetze entgegenstellt», sagte er mit Nachdruck. «Des goht gar et», fügte er in seinem typischen Schwäbisch hinzu – eine seiner Lieblingsredewendungen.
Was bleibt von seiner Ära? Kretschmann hat Baden-Württemberg als «Musterländle» nachhaltig geprägt. Die Wirtschaft steht trotz aktueller Probleme vergleichsweise gut da. Doch der gesellschaftliche Zusammenhalt wird auch hier zunehmend herausgefordert. Ob seine Nachfolge dieses Erbe bewahren kann, wird eine der spannendsten Fragen der kommenden Jahre.