An einem kühlen Herbstabend begleite ich den Dortmunder Streetworker Grigori Kalouti durch die Nordstadt. Seit Jahren arbeitet er mit Menschen, die oft nur als Probleme wahrgenommen werden. Heute sind wir mit einer Ordnungsamt-Streife unterwegs – dort, wo sich die Drogenszene trifft.
«Die meisten Menschen auf der Straße haben eine Geschichte», erklärt Kalouti, während wir an einem Mann vorbeigehen, der auf einer Bank schläft. Laut aktuellen Zahlen der Stadt Dortmund leben über 600 Menschen ohne festen Wohnsitz im Stadtgebiet. Fast jeder dritte Obdachlose kämpft mit Suchtproblemen.
Vor dem Nordmarkt sammeln sich kleine Gruppen. Ein junger Mann mit zitternden Händen erzählt mir von seinem Absturz: «Erst verlierst du den Job, dann die Wohnung, dann dich selbst.» Die Pandemie hat vieles verschlimmert – die Wartelisten für Therapieplätze sind lang.
Grigori kennt die meisten hier beim Namen. Er reicht Visitenkarten mit Hilfsangeboten, nimmt sich Zeit für kurze Gespräche. Die Polizei meldet für 2023 einen Anstieg der Drogendelikte um 14 Prozent in diesem Viertel. Doch hinter jeder Statistik stecken Menschen.
«Unsere Arbeit ist ein ständiger Balance-Akt», sagt Ordnungsamtsmitarbeiter Frank Meier. «Einerseits müssen wir für Sicherheit sorgen, andererseits wissen wir: Vertreiben löst keine Probleme.»
Ich erinnere mich an meine ersten Reportagen in Hamburgs Problemvierteln vor 15 Jahren. Die Muster sind erschreckend ähnlich: Wo soziale Netze reißen, wächst Verzweiflung.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass keine Stadt ihre sozialen Probleme unsichtbar machen kann. Dortmund plant nun mehr aufsuchende Sozialarbeit und niedrigschwellige Hilfsangebote. Doch die eigentliche Frage bleibt: Wie viel ist uns als Gesellschaft die Würde jedes einzelnen Menschen wert?