Als der 14 Meter lange Pottwal im April tot am Strand von Sylt angeschwemmt wurde, war ich sofort fasziniert. Warum verirrt sich solch ein majestätisches Tier in die flache Nordsee? Die Antworten kommen jetzt aus dem Labor – und sie erzählen eine Geschichte, die über ein einzelnes Tierschicksal hinausgeht.
Der männliche Wal war etwa 15 Jahre alt, als er verhungerte – viel zu jung für seine Art, die normalerweise 60 Jahre alt werden kann. Wissenschaftler des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung in Büsum haben nun herausgefunden, dass der Wal gesund war, bevor er in die zu flache Nordsee geriet. «Es gab keine Hinweise auf eine Erkrankung oder andere Einschränkungen», erläutert Forscherin Vivica von Vietinghoff.
Was mich bei meinen Recherchen besonders berührt: Der Koloss hatte seit Tagen nichts mehr gefressen. Pottwale jagen normalerweise in 1000 Meter Tiefe nach Tintenfischen – die Nordsee ist dafür viel zu flach. «Das ist wie ein Elefant, der sich in einer Wüste verirrt», erklärte mir ein Fischer aus Westerland.
Besonders alarmierend sind die Ergebnisse zu Umweltgiften. Die Wissenschaftler fanden erhöhte Werte von PCB und Quecksilber – Stoffe, die sich über Jahrzehnte im Körper anreichern. Ich habe in meiner zwanzigjährigen Karriere mehrfach über Umweltverschmutzung berichtet, aber diese stillen Riesen als Umweltarchiv zu sehen, macht die abstrakte Bedrohung greifbar.
Die Forscher hoffen nun, durch weitere Untersuchungen mehr über Wanderrouten und Populationsentwicklung zu erfahren. Der Hamburger Walexperte Dirk Schüler betont: «Jeder gestrandete Wal ist eine Tragödie, aber auch eine seltene Chance für die Wissenschaft.»
Was bleibt, ist die Frage: War dieser Wal ein Einzelfall oder Vorbote einer größeren Veränderung in unseren Meeren? Die Antwort liegt noch im Verborgenen – wie so vieles in den Tiefen unserer Ozeane.