Die Premiere des selten aufgeführten russischen Opernklassikers «Fürst Igor» am Gärtnerplatztheater sorgte gestern für Begeisterung im ausverkauften Haus. Alexander Borodins monumentales Werk, das der Komponist selbst nie vollenden konnte, wurde unter der musikalischen Leitung von Anthony Bramall und in der Inszenierung von Tobias Ribitzki zu einem fesselnden Erlebnis.
Was vor über 130 Jahren als musikalische Vision begann, entfaltet in München eine erstaunliche Aktualität. Die Geschichte des russischen Fürsten, der gegen die nomadischen Polowzer in den Krieg zieht, gefangen genommen wird und dessen Heimat während seiner Abwesenheit zerfällt, wirkt wie ein Spiegel unserer Zeit.
«Borodins Musik trägt eine zeitlose Kraft in sich, die uns auch heute noch berührt», erklärt Intendant Josef E. Köpplinger nach der Vorstellung. Das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz brillierte besonders in den farbenprächtigen symphonischen Passagen, für die Borodin berühmt wurde.
Beeindruckend auch die gesanglichen Leistungen: Matthias Hausmann verkörperte einen vielschichtigen Igor, während die junge Sopranistin Julia Sturzbecher als seine Frau Jaroslawna für Gänsehautmomente sorgte. Die Polowzer-Tänze, oft konzertant aufgeführt, entfalteten im Bühnenkontext ihre volle Wirkung.
Als Münchnerin mit russischen Wurzeln konnte ich spüren, wie das Publikum zwischen Faszination und Nachdenklichkeit schwankte. Diese Inszenierung verzichtet auf plakative Aktualisierungen, lässt aber dennoch Raum für eigene Assoziationen zur heutigen Weltlage.
Die Aufführung zeigt eindrucksvoll, warum «Fürst Igor» trotz seiner Entstehungsgeschichte mit vielen Ergänzungen durch andere Komponisten ein wichtiger Teil des Opernrepertoires bleibt. Der lange Applaus am Ende spricht für sich. Wer klassische russische Oper in zeitgemäßer, aber respektvoller Umsetzung erleben möchte, sollte sich eine der kommenden Vorstellungen nicht entgehen lassen.