Deutschlands Rentenexperten schlagen Alarm: Das bestehende System droht zu kollabieren. Aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen, dass auf 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter bereits 37 Rentner kommen – Tendenz steigend. Die Rente mit 67 reicht nach Einschätzung führender Wirtschaftsinstitute nicht mehr aus, um die demografische Lücke zu schließen. In einer gestern veröffentlichten Studie fordern fünf große Forschungsinstitute eine grundlegende Reform.
«Wir brauchen eine Kopplung des Rentenalters an die steigende Lebenserwartung», sagt Prof. Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Konkret heißt das: Für jeden Monat längerer Lebenserwartung sollen wir etwa 20 Tage länger arbeiten. Für viele würde das mittelfristig Rente mit 68, 69 oder sogar 70 bedeuten.
Als ich neulich im Düsseldorfer Hauptbahnhof mit einem 62-jährigen Bauarbeiter sprach, wurde mir die Kluft zwischen ökonomischer Theorie und Lebensrealität wieder schmerzlich bewusst. «Mit kaputtem Rücken bis 70 arbeiten? Das kann nur jemand fordern, der selbst im Büro sitzt», sagte er mir kopfschüttelnd.
Die Experten sehen das Problem durchaus. Ihr Lösungsvorschlag: flexiblere Übergänge und besondere Regelungen für körperlich belastende Berufe. «Ein starres System wird der komplexen Arbeitswelt nicht mehr gerecht», erklärt Dr. Anja Schneider vom Münchner ifo-Institut.
Bemerkenswert ist der seltene Konsens unter den sonst oft zerstrittenen Forschungsinstituten. Sie alle teilen eine unbequeme Wahrheit: Ohne längere Lebensarbeitszeit werden entweder Beiträge massiv steigen oder Renten drastisch sinken müssen.
Für uns alle bedeutet das: Die Altersvorsorge muss neu gedacht werden. Private Vorsorge wird wichtiger, aber auch gesellschaftlich müssen wir klären, was uns ein würdiges Leben im Alter wert ist. Bleibt die Frage: Sind wir als Gesellschaft bereit für diese schwierigen Gespräche?