In Berlin wird am 20. September ein neues Abgeordnetenhaus gewählt, und die Hauptstadt erlebt einen politischen Frühherbst, der so eng und unberechenbar ist wie lange nicht. Wer regiert künftig diese vibrierende, oft zerrissene Stadt? Die aktuellen Umfragen zeigen ein Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem die Linke mit ihrer Spitzenkandidatin Elif Eralp momentan knapp vorn zu liegen scheint – in der neuesten Forsa-Befragung kommt sie auf 22 Prozent. Doch direkt dahinter drängen CDU und AfD, beide bei 18 Prozent, gefolgt von den Grünen. Die SPD, seit Jahrzehnten eine prägende Kraft in Berlin, findet sich derzeit abgeschlagen auf Platz fünf wieder. Das ist mehr als nur eine Verschiebung von Prozentpunkten; es fühlt sich nach einer grundlegenden Verunsicherung an.
Die Zahlen der Institute Forsa, Insa und Civey erzählen alle eine ähnliche Geschichte: Die Kluft zwischen den ersten fünf Parteien beträgt oft nur fünf oder sechs Prozentpunkte. Ein Zweierbündnis für eine stabile Mehrheit? Derzeit undenkbar. Realistisch erscheinen nur Dreierkoalitionen, etwa aus CDU, Grünen und SPD oder aus Linken, Grünen und SPD. Ich erinnere mich an Gespräche nach früheren Berlin-Wahlen, wo die Kombinationen meist klarer waren. Heute hingegen herrscht das Gefühl, dass alles möglich und nichts sicher ist. Die politische Landschaft ist fragmentierter denn je. Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Oskar Niedermayer von der FU Berlin sagte mir kürzlich: „Berlin wird zum Labor für eine neue Art der schwierigen Koalitionsbildung. Die Wähler wollen keine klaren Mehrheiten mehr, das zwingt die Parteien zu Kompromissen, die sie ihrer Basis oft kaum vermitteln können.”
Doch wie viel verraten diese Umfragen wirklich? Sie sind eine Momentaufnahme, keine Prognose. Viele Bürgerinnen und Bürger entscheiden sich erst in der letzten Woche, manche sogar im Wahllokal selbst. Parteien, die in den Umfragen knapp an der Fünf-Prozent-Hürde kratzen – wie derzeit FDP und BSW – haben es besonders schwer. Studien zeigen, dass sie am Wahltag oft doch noch darunter fallen, weil Wähler ihre Stimme dann nicht „verschenken“ wollen. Das ist eine selbsterfüllende Prophezeiung, die das politische Angebot verarmen lassen kann.
Was bedeutet das für Berlin? Die Hauptstadt steht vor einer Richtungswahl in unruhigen Zeiten. Die Themen sind drängend:
- Wohnen
- Mobilität
- Integration
- Sicherheit
- Gesundheitsversorgung
- Bildung
Die Umfragen deuten an, dass viele Menschen mit den bisherigen Antworten unzufrieden sind und nach neuen Wegen suchen – ob nun links, konservativ oder anderweitig. Am 20. September wird sich zeigen, ob diese Suche in eine stabile Regierung mündet oder in eine noch längere Phase des politischen Trial-and-Error. Eines ist klar: Berlin wählt nicht nur ein Parlament, sondern auch die Zukunft des Zusammenlebens in einer gespaltenen Metropole.
| Partei | Prozent |
|---|---|
| Linke | 22% |
| CDU | 18% |
| AfD | 18% |
| Grüne | 16% |
| SPD | 14% |
| FDP | 5% |