Der Tod von Serkan C. war schrecklich und hat viele Menschen hier im Land zutiefst aufgewühlt. Er ist kein Einzelfall. Über fünf Angriffe auf Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter zählt die Deutsche Bahn im Durchschnitt – und das jeden einzelnen Tag. Die Wut ist verständlich. Doch die Art und Weise, wie die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) jetzt reagiert, macht mich nachdenklich.
Sie droht damit, den Regionalverkehr im Januar lahmzulegen, sollte Justizministerin Hubigs angekündigte Gesetzesänderung für mehr Schutz von Beschäftigten im öffentlichen Dienst nicht kommen. Ein politischer Streik. So etwas sieht man in Deutschland äußerst selten.
Ich habe lange über diesen Fall berichtet. Aus meiner Erfahrung weiß ich: Schnelle Gesetzesverschärfungen sind oft Symbolpolitik. Sie sollen Betroffenheit zeigen. Das neue Gesetz zur härteren Bestrafung von Beleidigungen gegen Politiker, Paragraph 188a, ist dafür ein warnendes Beispiel. Es hat zu absurden Verfahren geführt, aber die tägliche Anfeindung auf der Straße oder im Netz hat es nicht gestoppt.
Gleiches droht hier. Ein Angriff auf einen Zugbegleiter ist bereits jetzt eine Straftat, die mit hohen Haftstrafen geahndet wird. Wird ein „besonders schutzbedürftiges Opfer“ daraus, löst das das Kernproblem nicht: die Einsamkeit und das Ausgeliefertsein in den Abteilen. Was wirklich helfen würde? Nicht allein schärfere Paragraphen, sondern mehr Personal. Zwei Begleiter pro Zug, wie die EVG es seit Jahren fordert. Doch dafür müssten die Bundesländer, die den Regionalverkehr bestellen, mehr Geld in die Hand nehmen. Das lehnen sie bisher ab.
Die Drohung der EVG ist daher ein zweischneidiges Schwert. Sie setzt die Pendler, die auf den Zug angewiesen sind, unter Druck. Das ist heikel. Andererseits erinnert sie an eine fast vergessene Kraft: Gewerkschaften waren stets auch politische Akteure. In historischen Momenten, denken Sie an den Widerstand gegen den Kapp-Putsch 1920, war ihr Eingreifen entscheidend für die Demokratie.
Heute geht es nicht um die Abwehr eines Putsches, sondern um den Schutz von Menschen bei der Arbeit. Das ist wichtig, aber es rechtfertigt nicht jeden Weg. Die EVG sollte ihre enorme Macht, den Alltag von Millionen lahmlegen zu können, mit großer Vorsicht einsetzen. Der berechtigte Kampf für bessere Arbeitsbedingungen darf nicht auf dem Rücken derer ausgetragen werden, die täglich in diesen Zügen sitzen.
- Angriffe auf Zugbegleiter sind alltäglich
- Gesetzesverschärfungen sind oft nur Symbolpolitik
- Notwendigkeit von mehr Personal in den Zügen
- Die Rolle der Gewerkschaften in der Politik
- Der Druck auf Pendler
- Der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Tod von Serkan C. | Schrecklich und aufwühlend |
| Angriffe pro Tag | Über fünf |
| Reaktion der EVG | Droht mit Streik |
| Gesetzesänderung | Für mehr Schutz nötig |
| Kernproblem | Einsamkeit und Ausgeliefertsein |
| Forderung der EVG | Zwei Begleiter pro Zug |
Vielleicht ist der laute Protest aber auch nötig, um einen längst überfälligen Dialog zwischen Politik, Bahn und Ländern endlich in Gang zu bringen. Ein Dialog, der nicht bei Strafen, sondern bei der Prävention beginnt. Bei der Frage, wie wir sicherstellen, dass niemand mehr allein und wehrlos seiner Arbeit nachgehen muss.