In diesem Herbst sind sie wieder da. Zehntausende Wildgänse aus dem hohen Norden haben sich am Niederrhein eingefunden. Ihre Rufe hallen über die feuchten Wiesen und Äcker zwischen Wesel und Kleve. Wenn Sie hier unterwegs sind, ist das ein fast alltäglicher Anblick. Zugleich liest man in der Speisekarte des guten Landgasthofs einen stolzen Preis: 42 Euro für eine Gänsekeule. Da stellt sich eine Frage ganz natürlich: Warum kostet das Gericht so viel, wenn es doch vor der Tür scheinbar im Überfluss fliegt?
Die Antwort ist komplizierter, als es zunächst scheint. Die allermeisten Vögel, die Sie hier sehen, sind streng geschützt. Seit 2005 gibt es das großflächige EU-Vogelschutzgebiet „Unterer Niederrhein“. Hier dürfen Graugänse, Kanadagänse und Nilgänse grundsätzlich nicht bejagt werden. Nur in Ausnahmefällen erteilen die Behörden Sondergenehmigungen. Die Gans auf Ihrem Teller stammt also fast nie von einer Wildgans aus dem Schutzgebiet. Sie kommt meist aus landwirtschaftlicher Aufzucht, oft aus Polen oder Ungarn. Die hohen Kosten entstehen durch Haltung, Schlachtung und vor allem die aufwändige Zubereitung im Restaurant.
Trotzdem bleibt das Thema Jagd ein sensibles. Außerhalb der offiziellen Schongebiete ist die Bejagung bestimmter Gänsearten unter strengen Auflagen erlaubt. Das Fleisch dieser erlegten Wildgänse darf auch vermarktet und gegessen werden. Es ist eine andere, sehr kräftige Geschmackswelt, die nicht jedem liegt. Förster und Jäger argumentieren, dass ein regulierender Abschuss notwendig sei, um landwirtschaftliche Schäden zu begrenzen. Naturschützer halten dagegen und verweisen auf die natürlichen Rastplätze der Zugvögel. Es ist ein klassischer Interessenkonflikt, den ich aus vielen Regionen Deutschlands kenne.
Was bedeutet das jetzt für Sie als Gast oder Naturbeobachter? Zunächst einmal ist es ein Privileg, dieses Naturschauspiel jedes Jahr erleben zu können. Das sollte uns etwas wert sein. Wenn Sie eine regionale Gans essen möchten, fragen Sie im Restaurant ruhig konkret nach der Herkunft. Und beim nächsten Spaziergang am Deich, wenn die Gänse wie ein riesiger, lärmender Teppich am Himmel stehen, dann wissen Sie: Sie sind Zeuge eines der letzten großen Wildnis-Spektakel in unserer dicht besiedelten Region. Das gibt es nicht umsonst, aber es ist jeden Cent wert.
Mehr zu den Schutzgebieten erfahren Sie beim Landesumweltamt NRW.
- Wildgänse aus dem hohen Norden
- Naturschutzgebiet „Unterer Niederrhein“
- Bejagung unter strengen Auflagen
- Herkunft der Gans im Restaurant
- Regulierung von landwirtschaftlichen Schäden
- Beobachtung der Zugvögel
| Gänsearten | Schutzstatus | Herkunft |
|---|---|---|
| Graugans | Streng geschützt | Landwirtschaftliche Aufzucht |
| Kanadagans | Streng geschützt | Landwirtschaftliche Aufzucht |
| Nilgans | Streng geschützt | Landwirtschaftliche Aufzucht |
| Erlegte Wildgans | Erlaubt unter Auflagen | Regional |