Im ersten Morgenlicht des neuen Jahres herrschte in der Essener Innenstadt ein ungewohntes Bild: Während viele noch ihren Neujahrsschlaf genossen, rückten über 50 Mitglieder der Ahmadiyya Muslim Jamaat mit Müllsäcken und Besen aus. Seit über 15 Jahren beginnt die muslimische Gemeinde ihr Jahr mit einer Putzaktion. Was als lokale Initiative begann, ist mittlerweile zu einer bundesweiten Tradition in mehr als 220 deutschen Städten geworden.
«Für uns ist es ein Zeichen der Dankbarkeit und praktizierte Integration», erklärt Gemeindesprecher Asad Khan, während er leere Sektflaschen aufsammelt. Der Kontrast könnte nicht größer sein: Überreste der Silvesterfeierlichkeiten treffen auf Menschen, die ihren Glauben durch Taten leben möchten.
Als ich vor zehn Jahren erstmals über diese Aktion in Baden-Württemberg berichtete, war sie noch relativ unbekannt. Heute gehört sie zum festen Jahresauftakt vieler Städte. «Unsere Religion lehrt uns, dass Sauberkeit ein Teil des Glaubens ist», sagt der 23-jährige Teilnehmer Hamid Malik, der seit 4 Uhr morgens unterwegs ist.
Besonders beeindruckend: Die meisten Helfer sind junge Menschen, die freiwillig auf die Silvesterparty verzichten, um am 1. Januar früh aufzustehen. Einige Passanten bleiben stehen, manche applaudieren, andere schütteln ungläubig den Kopf.
Oberbürgermeister Thomas Kufen lobt die Initiative: «Das ist gelebte Stadtgesellschaft. Diese jungen Menschen zeigen, was Gemeinschaftssinn bedeutet.»
Die Aktion ist mehr als Müllsammeln. Sie ist ein stilles Statement in Zeiten wachsender Polarisierung. In meinen Gesprächen mit den Helfern wurde klar: Viele sehen darin eine Möglichkeit, Vorurteile abzubauen. «Wir wollen durch Taten zeigen, dass wir Teil dieser Gesellschaft sind», meint Khan.
Die Müllsäcke füllen sich schnell. Am Ende werden über 200 Kilogramm Abfall zusammenkommen. Ein symbolischer Neuanfang für die Stadt – und vielleicht auch für unser gesellschaftliches Miteinander?