Der Norden steht am Scheideweg: Seit heute Morgen gilt in drei norddeutschen Bundesländern ein verschärftes Tempolimit auf Landstraßen. Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern haben die Höchstgeschwindigkeit auf 80 km/h gesenkt. Damit reagieren die Länder auf die alarmierenden Unfallzahlen des vergangenen Jahres – 127 Verkehrstote allein auf Landstraßen in Schleswig-Holstein.
«Es geht um Menschenleben, nicht um ein paar Minuten Zeitgewinn», erklärt Verkehrsminister Bernd Buchholz beim Ortstermin an der B76 bei Kiel, wo gestern die ersten neuen Schilder montiert wurden. Die Maßnahme ist umstritten. Der ADAC spricht von «Aktionismus», während Verkehrspsychologen die Entscheidung begrüßen.
Als ich gestern durch die Holsteinische Schweiz fuhr, sah ich bereits die Vorbereitungen: Straßenmeistereien im Dauereinsatz, Autofahrer, die verwundert auf die neuen Schilder blicken. Ein Tankstellenpächter in Eutin erzählte mir, dass seine Kunden seit Tagen über nichts anderes sprechen.
Wissenschaftler der Uni Hamburg prognostizieren eine Reduzierung der schweren Unfälle um bis zu 30 Prozent. Bemerkenswert: In Baden-Württemberg, wo ähnliche Regeln seit 2020 gelten, sank die Zahl der Verkehrstoten auf Landstraßen bereits im ersten Jahr um 22 Prozent.
Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die Autofahrer im Norden die neuen Regeln akzeptieren. Die Polizei hat verstärkte Kontrollen angekündigt. Die Debatte darüber, wie viel Freiheit auf deutschen Straßen noch möglich ist, dürfte damit neu entfacht sein.