Als ich gestern ins Frankfurter Landgericht kam, herrschte bereits geschäftiges Treiben. Vor dem größten Wirtschaftsstrafprozess der Stadt in diesem Jahr standen dutzende Medienvertreter Schlange. Auf der Anklagebank: sechs ehemalige Führungskräfte der Arbeiterwohlfahrt Frankfurt, denen vorgeworfen wird, rund 2,6 Millionen Euro veruntreut zu haben.
Die Staatsanwaltschaft Frankfurt wirft den Beschuldigten schwerwiegende Vergehen vor: Betrug, Untreue und Bilanzfälschung. Zwischen 2015 und 2019 sollen sie ein System entwickelt haben, bei dem Gehälter und Dienstwagen weit über dem üblichen Rahmen lagen. «Es handelt sich um ein strukturelles, bewusstes Vorgehen zur persönlichen Bereicherung», erklärte die leitende Staatsanwältin zu Prozessbeginn.
Die Dimension des Verfahrens ist beeindruckend: 88 Verhandlungstage sind angesetzt, mehr als 80 Zeugen sollen gehört werden. Unter den Angeklagten befinden sich das frühere Führungsduo – ein Ehepaar, das die AWO Frankfurt jahrelang kontrollierte. Die Frau soll monatlich rund 30.000 Euro erhalten haben – ein Vielfaches des üblichen Gehalts in vergleichbaren Positionen.
«Die AWO steht für Solidarität und soziale Gerechtigkeit. Was hier passiert ist, widerspricht allen unseren Grundsätzen», sagte der heutige AWO-Vorsitzende Steffen Krollmann, der als Nebenkläger auftritt.
Was mich besonders betroffen macht: Die Gelder, die veruntreut wurden, waren eigentlich für soziale Projekte bestimmt – für Kindergärten, Seniorenbetreuung und Flüchtlingshilfe.
Der Fall zeigt die Notwendigkeit besserer Kontrollen in gemeinnützigen Organisationen. Die Verteidiger der Angeklagten kündigten an, die Vorwürfe zu entkräften. Die Frage bleibt: Wie konnte ein solches System über Jahre unentdeckt bleiben? Für viele Frankfurter ist der Prozess mehr als ein Justizfall – es geht um Vertrauen in soziale Einrichtungen.