Die Szene, die sich gestern im Berliner U-Bahnhof Rathaus Neukölln abspielte, lässt selbst erfahrene Polizisten fassungslos zurück. Ein 61-jähriger Mann brach am ersten Weihnachtsfeiertag gegen 16:45 Uhr auf dem Bahnsteig zusammen. Während Passanten versuchten, ihm zu helfen und Rettungskräfte alarmierten, nutzte ein bislang Unbekannter die Situation aus: Er stahl dem Sterbenden die Geldbörse.
«So etwas erlebt man selbst in einer Großstadt wie Berlin selten«, sagte mir ein Polizeibeamter, der seit über 15 Jahren im Dienst ist. Die herbeigerufenen Sanitäter versuchten noch, den 61-Jährigen zu reanimieren, doch jede Hilfe kam zu spät. Er verstarb noch vor Ort, vermutlich an einem medizinischen Notfall.
Besonders erschütternd: Die Tat wurde von Überwachungskameras aufgezeichnet. Die Aufnahmen zeigen, wie der Täter gezielt die hilflose Lage des Mannes ausnutzt und ihm während der Erste-Hilfe-Maßnahmen das Portemonnaie entwendet. «Die Skrupellosigkeit, mit der hier gehandelt wurde, ist kaum zu fassen«, erklärte ein Sprecher der Berliner Polizei.
In meinen fast zwanzig Jahren als Reporterin habe ich viele Fälle von Diebstählen begleitet, doch dieser Fall sticht durch seine besondere Menschenverachtung heraus. Die Beamten der Kriminalpolizei haben die Ermittlungen aufgenommen und suchen nun nach Zeugen, die Hinweise zur Identität des Täters geben können.
Was dieser Fall zeigt, geht über einen einfachen Diebstahl hinaus – er rührt an grundlegende Fragen unseres Zusammenlebens. In einer Stadt, in der täglich tausende Menschen aneinander vorbeilaufen, erinnert uns dieser Vorfall daran, wie wichtig Mitmenschlichkeit und Zivilcourage sind. Die Bilder vom Bahnsteig werden nicht nur die Ermittler noch lange beschäftigen.