Im Nordosten Schleswig-Holsteins sorgen neue Funde von Weltkriegsbomben für Unruhe. Allein in den vergangenen zwei Wochen entdeckten Experten des Kampfmittelräumdienstes sieben weitere Blindgänger in der Region Kiel. Besonders beunruhigend: Die meisten Sprengkörper lagen in Wohngebieten und nahe öffentlicher Einrichtungen. Nach Angaben des Landesinnenministeriums wurden seit Jahresbeginn bereits 28 Bomben entschärft – fast doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum 2023.
Die Häufung der Funde hat mehrere Gründe. «Wir sehen jetzt die Folgen verstärkter Bautätigkeit in bisher unberührten Flächen», erklärt Torben Schmidt, Leiter des Kampfmittelräumdienstes in Kiel. Die neuen Baugebiete entstehen oft auf ehemaligen Industrieflächen, die während des Zweiten Weltkriegs bombardiert wurden. Gleichzeitig helfen moderne Detektionstechniken, die Blindgänger präziser zu lokalisieren.
Bei einer Bombenentschärfung in Neumünster letzte Woche mussten über 1.200 Anwohner ihre Häuser verlassen. «Die Evakuierungen werden immer aufwendiger», berichtet Christina Weber vom Katastrophenschutz. Die demografische Entwicklung spielt dabei eine Rolle – mehr ältere, pflegebedürftige Menschen müssen in Sicherheit gebracht werden.
Als ich vor fünf Jahren eine Bombenentschärfung in Hamburg begleitete, war die Stimmung noch weniger angespannt. Heute merkt man den Menschen die Sorge an. Besonders nach dem tragischen Unfall in Göttingen 2010, bei dem drei Entschärfer ums Leben kamen.
Die Landesregierung hat reagiert und das Budget für Kampfmittelbeseitigung um 20 Prozent erhöht. Experten schätzen, dass noch etwa 1.500 Blindgänger unter Schleswig-Holstein schlummern. «Diese Hinterlassenschaften des Krieges werden uns noch Jahrzehnte begleiten», mahnt Schmidt. Der alte Spruch meiner Hamburger Großmutter bekommt neue Bedeutung: «Der Krieg ist erst vorbei, wenn der letzte Blindgänger gefunden ist.»