Im Schatten der sommerlichen Idylle Berlins entwickelt sich eine beunruhigende gesundheitliche Situation. Die Hauptstadt verzeichnet in diesem Jahr einen dramatischen Anstieg an Borreliose-Erkrankungen – die höchste Zahl seit Beginn der Aufzeichnungen. Allein im ersten Halbjahr 2024 wurden bereits über 1.200 Fälle dokumentiert, was einem Anstieg von fast 40 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres entspricht. Diese Entwicklung erinnert an die Situation nach dem ungewöhnlich heißen Sommer 2018, als ebenfalls ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen war.
Die Ursachen für diese besorgniserregende Entwicklung sind vielschichtig. Dr. Uta Brehm vom Berliner Tropeninstitut erklärt: «Wir sehen eine Kombination aus klimatischen Veränderungen, die die Zeckenpopulation begünstigen, und einem veränderten Freizeitverhalten der Berliner nach der Pandemie.» Die milden Winter der letzten Jahre haben dazu geführt, dass Zecken kaum natürliche Ruhephasen einlegen müssen. Gleichzeitig verbringen mehr Menschen Zeit in den städtischen Grünanlagen und umliegenden Wäldern, was die Expositionsrate erhöht.
Besonders betroffen sind die waldreichen Bezirke Steglitz-Zehlendorf und Treptow-Köpenick, wo die Fallzahlen doppelt so hoch liegen wie im Berliner Durchschnitt. Das Landesgesundheitsamt hat nun reagiert und ein erweitertes Präventionsprogramm gestartet. «Wir müssen die Balance finden zwischen Naturerlebnis und Gesundheitsschutz», betont Gesundheitssenatorin Irmgard Krause. Während in anderen europäischen Ländern wie Österreich Impfprogramme gegen die verwandte FSME-Erkrankung etabliert sind, fehlt für Borreliose bislang eine Impfung.
Die Geschichte der 42-jährigen Lehrerin Claudia Reimann zeigt die Tücken der Erkrankung. Drei Wochen nach einem Schulausflug in den Grunewald entwickelte sie erst unspezifische grippeähnliche Symptome, später Gelenkschmerzen. «Der charakteristische Hautring um die Bissstelle hatte sich bei mir nicht gebildet, deshalb dachte ich zunächst nicht an Borreliose», berichtet sie. Diese diagnostische Herausforderung ist typisch – nur etwa die Hälfte der Infizierten erinnert sich überhaupt an einen Zeckenbiss.
Was bleibt, sind offene Fragen zur langfristigen Entwicklung. Werden wir uns auf dauerhaft höhere Infektionsraten einstellen müssen? Experten der Charité forschen bereits an schnelleren Diagnoseverfahren und effektiveren Behandlungsmethoden. Die Borreliose-Welle in Berlin steht exemplarisch für die neuen Herausforderungen, die der Klimawandel für unser Gesundheitssystem mit sich bringt – ein Problem, das weit über die Stadtgrenzen hinaus Bedeutung hat.