Der Samstagnachmittag in Mainz war symptomatisch. Nach der 1:3-Niederlage des BVB wirkte Trainer Nuri Şahin nahezu ratlos, als er von «einem Schritt vorwärts, zwei zurück» sprach. Diese Formulierung fasst die aktuelle Situation in Dortmund perfekt zusammen – und zeigt ein grundlegendes Problem, das weit über das Spielfeld hinausreicht.
Seit Wochen beobachte ich beim BVB ein beunruhigendes Muster: Man redet sich die Realität schön. Nach fast jedem Rückschlag hören wir von «guten Ansätzen» oder «positiven Phasen». Doch die nackten Zahlen sprechen eine andere Sprache. Mit nur 15 Punkten nach 11 Spieltagen steht Dortmund auf Platz 9 – so tief wie seit Jahren nicht. Der Abstand zur Champions League-Qualifikation wächst, während der eigene Anspruch, Bayern-Jäger Nummer eins zu sein, zur Illusion verkommt.
«Was wir derzeit sehen, ist eine gefährliche Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und Realität«, erklärt Sportpsychologe Prof. Dr. Martin Schweer im Gespräch. «Wenn eine Mannschaft dauerhaft ihre Probleme verleugnet, blockiert das notwendige Veränderungsprozesse.»
Besonders alarmierend: Die schwachen Auftritte wirken nicht wie Ausrutscher, sondern wie ein strukturelles Problem. Gegen Mainz offenbarte die Defensive erneut gravierende Mängel. Nico Schlotterbeck, vergangene Saison noch Leistungsträger, wirkt verunsichert. Das Mittelfeld um Kapitän Emre Can findet keinen Zugriff. Und selbst Ausnahmetalent Jamie Bynoe-Gittens kann die offensive Harmlosigkeit nicht kaschieren.
Wer erinnert sich nicht an die euphorische Stimmung nach dem Champions League-Finale im Juni? Doch davon ist nichts mehr zu spüren. Die Frage, die sich immer drängender stellt: Wann hört man in Dortmund auf, die Realität zu ignorieren? Denn nur ein ehrlicher Blick in den Spiegel kann den Weg aus dieser Krise weisen.