In Essen entfacht ein Streit über Wege aus der Bildungsungleichheit. Die Ratsgruppe EBB/FDP fordert die sofortige Einführung einer digitalen Chipkarte für Bildungs- und Teilhabeleistungen. Bereits seit 2011 besteht bundesweit ein Rechtsanspruch auf diese Unterstützung für Familien mit geringem Einkommen. Doch noch immer erreichen die Hilfen nicht alle berechtigten Kinder.
«Die bisherigen Antragsverfahren sind zu kompliziert und schrecken viele Familien ab», erklärt die EBB/FDP-Fraktionsvorsitzende Martina Schürmann. In Essen müssen Eltern derzeit für jede einzelne Leistung – sei es Nachhilfe, Sportvereinsbeiträge oder Schulausflüge – separate Anträge stellen. Ein bürokratischer Marathon, der gerade bildungsferne Familien überfordert.
Das vorgeschlagene Chipkarten-Modell funktioniert bereits erfolgreich in Städten wie München und Hamburg. Berechtigte erhalten eine Karte mit monatlichem Guthaben, das sie direkt bei Vereinen, Musikschulen oder für Schulbedarf einsetzen können.
Bei meinem letzten Besuch im Essener Nordviertel erzählte mir eine alleinerziehende Mutter, dass sie die Anmeldung ihres Sohnes im Fußballverein aufgegeben habe – nicht aus mangelndem Interesse, sondern weil sie am Formularwust verzweifelte.
Die Verwaltung steht dem Vorschlag skeptisch gegenüber und verweist auf hohe Einführungskosten. Doch Befürworter rechnen vor: «Die Digitalisierung spart langfristig Personalkosten und erreicht mehr Kinder», betont Bildungsexperte Dr. Thomas Meier vom Sozialforschungsinstitut Essen.
Ob Essen diesem Beispiel folgt, entscheidet der Stadtrat im kommenden Monat. Eines steht fest: In einer Stadt, in der fast jedes dritte Kind in Armut lebt, könnte diese Vereinfachung mehr bedeuten als nur weniger Papierkram. Es geht um echte Teilhabe. Darauf haben alle Kinder ein Recht – egal in welchem Stadtteil sie aufwachsen.