Dresden birgt Geheimnisse: Unter der Landeshauptstadt verläuft ein gewaltiges, historisches Kanalnetz, das kaum jemand kennt. Seit über 800 Jahren fließt hier das Dresdner Abwasser. Experten der Stadtentwässerung haben nun erstmals die gesamte Entwicklung dieses unterirdischen Systems dokumentiert – von mittelalterlichen Holzrinnen bis hin zu hochmodernen Betonröhren. Rund 1.700 Kilometer Kanäle durchziehen heute den Dresdner Untergrund.
«Als wir mit der Recherche begannen, staunten wir selbst über den Reichtum an Geschichte unter unseren Füßen», sagt Thomas Helm, Leiter des Projekts bei der Stadtentwässerung Dresden. Bereits um 1250 wurden die ersten Abwasserrinnen aus Holz in den Boden der mittelalterlichen Stadt eingelassen. In der Zeit August des Starken, als Dresden zur prächtigen Barockstadt wurde, entstanden aufwendig gemauerte Kanäle.
Besonders beeindruckend ist der «Alte Abfangkanal», der Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde und noch immer in Betrieb ist. «In diesem Kanal könnte ein Pferdegespann durchfahren», erklärt Helm. Er leitet bis heute Abwässer aus der Altstadt zum Klärwerk.
Während des Zweiten Weltkriegs dienten viele der Kanäle als Notunterkünfte bei Luftangriffen. Zeitzeugen berichten von dramatischen Szenen in diesen unterirdischen Gängen während der Bombennacht vom 13. Februar 1945.
Bei meinem Besuch in einem historischen Kanalabschnitt nahe der Frauenkirche fällt mir die handwerkliche Präzision auf, mit der die Gewölbe vor über 100 Jahren aus Sandstein gefertigt wurden. Kein Wunder, dass diese Bauten Jahrhunderte überdauern.
Das Kanalsystem spiegelt die Stadtgeschichte wider – Kriegszerstörung, Wiederaufbau, technische Innovation. Die Stadt plant nun, einzelne historische Abschnitte für Führungen zugänglich zu machen. Ein spannendes Stück Dresdner Geschichte, das buchstäblich unter uns fließt. Oder wie ein Dresdner Kanalarbeiter es ausdrückte: «Über der Erde mag sich vieles ändern, aber hier unten fließt die Geschichte einfach weiter.»