In den Wartezimmern deutscher Facharztpraxen spielt sich täglich das gleiche Drama ab: Patienten mit akuten Beschwerden müssen oft wochenlang auf einen Termin warten, während ihre Gesundheit leidet. Die Bundesregierung hat nun reagiert und ein neues System von Dringlichkeitsvermerken eingeführt, das seit März bundesweit gilt. «Der Zugang zu fachärztlicher Versorgung ist ein Grundpfeiler unseres Gesundheitssystems», erklärt Dr. Maria Hoffmann vom Bundesgesundheitsministerium. «Aber wenn ein Rückenschmerz-Patient erst in drei Monaten zum Orthopäden kann, versagen wir als System.»
Die neuen Regelungen kategorisieren Überweisungen in drei Dringlichkeitsstufen: «akut» (Termin innerhalb von 3 Tagen), «dringlich» (innerhalb von 14 Tagen) und «regulär» (innerhalb von 35 Tagen). Das klingt zunächst vielversprechend. Doch die Realität in den Praxen zeichnet ein anderes Bild. Hausärztin Sabine Wegner aus München seufzt am Telefon: «Wir stellen täglich Überweisungen mit Dringlichkeitsvermerken aus, aber die Facharztpraxen sind schlicht überlastet. Manchmal telefoniere ich persönlich mit Kollegen, um einen zeitnahen Termin zu ergattern.»
Die Statistiken der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zeigen, dass nur etwa 62% der als «akut» gekennzeichneten Überweisungen tatsächlich innerhalb der vorgesehenen Frist bedient werden können. Das erinnert an die Situation in Großbritannien, wo ähnliche Systeme bereits seit Jahren existieren – mit gemischten Ergebnissen. Prof. Markus Steinbach vom Universitätsklinikum Hamburg verweist auf ein grundsätzlicheres Problem: «Ohne mehr Fachärzte oder effizientere Strukturen werden wir das Problem der Wartezeiten nicht lösen. Die Dringlichkeitsvermerke verschieben nur die Prioritäten, schaffen aber keine neuen Kapazitäten.»
Für Patienten wie die 67-jährige Renate Schulz aus Berlin macht das System dennoch einen Unterschied. Mit akuten Gelenkschmerzen erhielt sie dank des Dringlichkeitsvermerks innerhalb einer Woche einen Termin beim Rheumatologen. «Früher hätte ich monate warten müssen», erzählt sie. Doch während einige profitieren, warten andere nun noch länger. Die grundsätzliche Frage bleibt: Brauchen wir mehr Fachärzte oder müssen wir das System neu denken? Die Dringlichkeitsvermerke sind ein Schritt in die richtige Richtung – aber sie heilen nicht die strukturellen Wunden unseres Gesundheitssystems.