In den Wartezimmern deutscher Arztpraxen spielt sich derzeit ein bekanntes Winterdrama ab: Hustende Patienten sitzen dicht an dicht, während Ärzte und Praxispersonal am Limit arbeiten. Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts leiden aktuell mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland an Atemwegsinfekten – eine Zahl, die höher liegt als in den vergangenen Jahren um diese Zeit. Die Grippewelle 2024 trifft das ohnehin angespannte Gesundheitssystem mit besonderer Wucht.
«Was wir momentan erleben, ist eine perfekte epidemiologische Sturmlage«, erklärt Dr. Martina Wendt vom Berufsverband Deutscher Internisten. «Influenza-Viren zirkulieren parallel zu RSV und den noch immer präsenten Corona-Varianten.» Diese Gleichzeitigkeit verschiedener Erreger stellt die Versorgungsstrukturen vor besondere Herausforderungen. In manchen Regionen melden Hausarztpraxen bis zu 40 Prozent mehr Patientenkontakte als in normalen Winterwochen.
Besonders besorgniserregend ist die Situation in Kinderkliniken, wo die Belegungsrate bereits bei über 85 Prozent liegt. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin warnt vor Engpässen, sollte die Infektionswelle weiter ansteigen. Zum Vergleich: Während der schweren Grippesaison 2017/2018 verzeichnete Deutschland etwa 25.000 Todesfälle im Zusammenhang mit Influenza – ein Szenario, das Experten durch rechtzeitige Interventionen diesmal verhindern wollen.
Die Pandemiejahre haben uns gelehrt, dass hygienisches Verhalten wirkt. «Die AHA-Regeln – Abstand, Hygiene, Alltagsmaske in bestimmten Situationen – bleiben wirksame Schutzmaßnahmen», betont Infektiologe Professor Klaus Weber vom Universitätsklinikum Heidelberg. «Dazu kommt die Grippeimpfung als wichtigste Präventionsmaßnahme für Risikogruppen.» Doch die Impfbereitschaft bleibt mit etwa 40 Prozent bei Älteren deutlich hinter den WHO-Empfehlungen von 75 Prozent zurück.
Für den Einzelnen gilt: Bei Symptomen lieber zu Hause bleiben und telemedizinische Angebote nutzen, um Praxen zu entlasten. Die nächsten Wochen werden entscheidend sein. Ob die Welle ihren Höhepunkt bereits erreicht hat oder noch ansteigt, wird sich zeigen. Was jedoch sicher ist: Unser Umgang mit saisonalen Infektionen hat sich verändert. Zwischen übertriebener Vorsicht und gefährlicher Sorglosigkeit müssen wir als Gesellschaft einen neuen Umgang mit den alljährlichen Virusherausforderungen finden.