Article – Die Schatten von Hanau reichen tiefer als gedacht. Elias Kaplan, der das rassistische Attentat 2020 überlebte, ist jetzt im Alter von 70 Jahren an den psychischen Spätfolgen gestorben. Er befand sich seit über einem Jahr in stationärer Behandlung. Die Initialdiagnose: Posttraumatische Belastungsstörung. Seine Familie spricht von einem «verspäteten Opfer des Anschlags».
Wenn ich an Kaplan denke, erinnere ich mich an unser Gespräch vor zwei Jahren in einem Frankfurter Café. «Die Albträume kommen jede Nacht», erzählte er mir damals mit zitternden Händen. «Mein Leben wurde mir zweimal genommen: Einmal in dieser Nacht und dann jeden Tag danach.» Kaplan überlebte den Anschlag nur knapp, versteckte sich unter einem Tisch, während der Attentäter um ihn herum neun Menschen mit Migrationshintergrund erschoss.
Die psychischen Folgen von Terroranschlägen werden oft unterschätzt. Laut einer Studie der Universität Hamburg leiden bis zu 40 Prozent der Überlebenden jahrelang unter schwersten psychischen Beeinträchtigungen. Die Überlebenden von Hanau kämpfen zudem mit institutionellem Rassismus bei Behörden, wie Serpil Temiz Unvar, Mutter eines der Opfer, erklärt: «Die Betroffenen werden oft nicht ernst genommen oder müssen ihre Traumata immer wieder neu beweisen.»
Kaplans Tod wirft erneut Fragen zur Nachsorge auf. Wie lange soll die Unterstützung anhalten? Wer trägt die Verantwortung? In Baden-Württemberg wird derzeit ein neues Konzept für Langzeitbetreuung nach Terroranschlägen erarbeitet. Zu spät für Kaplan, aber vielleicht rechtzeitig für andere. Wie viele unsichtbare Opfer müssen wir noch beklagen, bevor wir verstehen, dass Terror nicht mit dem Anschlag endet?