Als ich gestern mit einer Kollegin aus meiner Zeit in Osteuropa telefonierte, diskutierten wir die Situation der medizinischen Versorgung – nicht etwa in der Ukraine, sondern hier bei uns. Die aufkommende Debatte um die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung erinnert mich an die Versorgungslücken, die ich während meiner Berichterstattung erlebt habe, wenn auch unter völlig anderen Umständen.
Der Deutsche Hausärzteverband schlägt Alarm. In einem eindringlichen Appell warnt er die Ampelkoalition davor, die während der Pandemie eingeführte Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung wieder abzuschaffen. «Das würde unsere Praxen erheblich belasten und ist medizinisch nicht zu rechtfertigen«, erklärt Dr. Markus Beier, Bundesvorsitzender des Verbandes. Die Zahlen geben ihm recht: Laut KBV werden nur etwa 20 Prozent aller Krankschreibungen telefonisch ausgestellt – keineswegs eine Flut, wie manchmal suggeriert wird.
Mir fällt dabei auf, wie oft gesundheitspolitische Diskussionen von Vorurteilen statt Fakten geprägt sind. «Es gibt absolut keine Hinweise darauf, dass die telefonische Krankschreibung missbraucht wird«, betont Prof. Maria Keller vom Institut für Gesundheitsökonomie. «Im Gegenteil, sie entlastet überfüllte Wartezimmer und verhindert zusätzliche Ansteckungsrisiken.»
Die Geschichte der telefonischen Krankschreibung ist bemerkenswert. Was als Notlösung während Corona begann, hat sich zu einem sinnvollen Instrument entwickelt. Ein Blick nach Schweden zeigt: Dort gehören digitale Konsultationen längst zum Versorgungsalltag – mit positiven Effekten auf Patientenzufriedenheit und Praxisauslastung.
Die jetzige Diskussion offenbart ein tieferes Problem: Wie viel Vertrauen schenken wir Patienten und Ärzten? Die Idee, dass Menschen grundsätzlich das System ausnutzen würden, spiegelt ein problematisches Menschenbild wider. Aus meinen Gesprächen mit zahlreichen Hausärzten weiß ich: Sie können sehr gut einschätzen, wann eine persönliche Untersuchung notwendig ist.
Die Entscheidung der Politik wird zeigen, ob wir bereit sind, moderne Wege in der Gesundheitsversorgung zu gehen, oder ob wir an überholten Strukturen festhalten. Für die Patienten – besonders auf dem Land mit langen Anfahrtswegen – und für die ohnehin überlasteten Praxen steht viel auf dem Spiel. Die Frage ist nicht nur eine der Effizienz, sondern auch der Menschlichkeit in unserem Gesundheitssystem.