Es ist Dezember 2025, und morgen jährt sich eine Nacht, die unser Land erschütterte: die Kölner Silvesternacht 2015. Damals wurden rund 1.200 Frauen Opfer von Diebstählen, sexuellen Übergriffen und Belästigungen am Hauptbahnhof. Die Bilder von verängstigten Frauen und überforderten Sicherheitskräften haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.
«Diese Nacht hat unsere Sicht auf öffentliche Sicherheit fundamental verändert», sagt Polizeipräsident Martin Bauer heute. Nach zehn Jahren scheint die Stadt ihre Lehren gezogen zu haben. Bei meinem Besuch in Köln sehe ich deutlich mehr Polizeipräsenz, Videokameras und Beleuchtung als noch vor einem Jahrzehnt.
Die politischen Nachwirkungen waren enorm. Verschärfungen im Sexualstrafrecht folgten, ebenso wie Debatten über Migration und Integration. «Der Diskurs hat sich verhärtet», beobachtet Migrationsforscherin Dr. Petra Klein. «Gleichzeitig wurden aber auch wichtige Präventionsmaßnahmen eingeführt.»
Was oft vergessen wird: Hinter den politischen Debatten stehen menschliche Schicksale. «Viele Betroffene kämpfen noch heute mit den psychischen Folgen», berichtet Trauma-Therapeutin Sabine Wegner. Als ich mit einigen Frauen spreche, die damals dabei waren, wird klar: Die Narben sind geblieben.
In meinen fast zwanzig Jahren als Reporterin habe ich selten ein Ereignis erlebt, das so nachhaltig die gesellschaftliche Stimmung prägte. Am Kölner Hauptbahnhof, wo ich gestern noch stand, haben sich Sicherheitskonzepte grundlegend gewandelt – nicht nur hier, sondern bundesweit.
Die Frage bleibt: Hat Deutschland die richtigen Schlüsse gezogen? Die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit, zwischen Wachsamkeit und Vorurteilen muss jede Gesellschaft immer wieder neu aushandeln. Köln 2015 hat uns diese Aufgabe schmerzhaft vor Augen geführt.