Als ich heute am Candidplatz vorbeikam, fiel mir wieder dieses seltsame Phänomen auf: Das höchste Wohngebäude Münchens steht seit Jahren leer. Dort, wo einst das Leben pulsierte, herrscht Stille im 23-stöckigen Hochhaus. Seit 2019 ist das ehemalige Bürohochhaus unbewohnt, obwohl in München bezahlbarer Wohnraum Mangelware ist.
Die Geschichte dieses Gebäudes ist bemerkenswert. 1969 als Teil der «Isar-City» errichtet, galt es mit seinen 78 Metern als Wahrzeichen des modernen Münchens. Bis in die 2010er Jahre beherbergte es die Räume der HypoVereinsbank. Nach deren Auszug erwarb die Firma Legat Living das Hochhaus mit großen Plänen: 234 Wohnungen sollten entstehen – ein Leuchtturmprojekt für urbanes Wohnen.
«Das Problem liegt in den veralteten Brandschutzbestimmungen«, erklärt Wolfgang Müller vom Münchner Architekturkreis. Die notwendigen Umbauten würden Millionen verschlingen. «Es ist ein Beispiel für die Herausforderungen bei der Umnutzung alter Gebäude.»
Die Anwohner im Stadtteil Sendling-Westpark reagieren mit Unverständnis. «Da könnte man hunderte Familien unterbringen, während wir um jede Wohnung kämpfen», sagt Anwohnerin Lisa Berger. In meinen fast zwei Jahrzehnten als Journalistin habe ich immer wieder ähnliche Fälle erlebt, aber selten einen so sichtbaren Kontrast zwischen Leerstand und Wohnungsnot.
Wie geht es weiter? Die Stadt München prüft derzeit Möglichkeiten, den Stillstand zu beenden. Ein neuer Investor soll gesucht werden. Die Debatte zeigt einmal mehr: Hinter jedem leerstehenden Gebäude steckt eine Geschichte – und eine vertane Chance für eine Stadt, in der Wohnraum so kostbar ist wie nirgendwo sonst in Deutschland.