Die Mafia vor unserer Haustür: Was gerade in Stuttgart geschieht, gleicht einem Krimi. Ein Polizeibeamter steht unter Verdacht, Geheimnisse an die kalabresische ‹Ndrangheta verraten zu haben. Nach jahrelangen Ermittlungen haben Strafverfolger 23 mutmaßliche Mitglieder der Organisation festgenommen – einer der größten Schläge gegen die Mafia in Deutschland seit Jahren.
Der betroffene Polizist soll bereits im Januar vom Dienst suspendiert worden sein. «Wir gehen solchen Verdachtsfällen konsequent nach», erklärte Innenminister Thomas Strobl gestern. «Wenn sich der Verdacht erhärtet, hat ein solcher Beamter in unseren Reihen nichts verloren.» Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Verletzung des Dienstgeheimnisses.
In meinen fast zwanzig Jahren als Reporterin habe ich selten erlebt, wie tief organisierte Kriminalität in unsere Gesellschaft eindringen kann. Das zeigt auch die Operation «Platinum-Dia», bei der internationale Ermittler bereits 2020 in Deutschland, Italien und anderen Ländern zuschlugen. «Die ‹Ndrangheta ist eine der gefährlichsten Mafiaorganisationen weltweit», sagt BKA-Präsident Holger Münch. «Sie agiert im Verborgenen und ist gerade deshalb so erfolgreich.»
Die Gruppierung kontrolliert große Teile des Kokainhandels in Europa. Ihr Geschäftsmodell: Drogen, Geldwäsche, Erpressung und Einschüchterung. In Deutschland nutzt sie legale Geschäfte wie Restaurants oder Baufirmen, um Gewinne zu waschen. Allein in Baden-Württemberg werden der Organisation mehrere hundert Mitglieder zugerechnet.
Besonders beunruhigend: Die Mafia versucht gezielt, Kontakte in Behörden aufzubauen. Der Fall des Polizisten könnte nur die Spitze des Eisbergs sein. Wie tief reicht der Einfluss wirklich in unsere Institutionen? Diese Frage beschäftigt die Stuttgarter noch lange.