Die Kälte dieser Tage stellt das Leben auf der Straße vor besondere Herausforderungen. In Frankfurt sinken die Nachttemperaturen auf minus vier Grad – für die geschätzt 600 Obdachlosen in der Mainmetropole eine lebensbedrohliche Situation. Jeder fünfte von ihnen lehnt laut Sozialamt auch bei extremer Kälte Notunterkünfte ab.
«Mein Schlafsack ist für minus 20 Grad ausgelegt, aber die Feuchtigkeit ist das Problem», erklärt Michael, der seit drei Jahren am Frankfurter Mainufer lebt. Der 52-Jährige wickelt nachts zusätzlich Zeitungen um seinen Körper – ein alter Trick unter Obdachlosen, um die Körperwärme zu halten.
Die Stadt Frankfurt hat ihre Winternotprogramme verstärkt. «Wir haben 100 zusätzliche Schlafplätze geschaffen und verlängerte Öffnungszeiten in den Wärmestuben eingerichtet«, sagt Sozialdezernentin Elke Weber-Braun. Doch viele Betroffene bleiben skeptisch.
Bei meiner Recherche in den letzten Tagen begegnete ich immer wieder der Angst vor Diebstählen und Übergriffen in den Sammelunterkünften. «Ich wurde dort zweimal beklaut, mein Handy und meine Papiere – das Letzte, was ich noch hatte», erzählt eine 39-jährige Frau, die anonym bleiben möchte.
Die Bahnhofsmission Hamburg verzeichnet einen Anstieg der Hilfesuchenden um 24 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ein ähnliches Bild zeichnet sich in Hessen ab. Besonders besorgniserregend: Der wachsende Anteil älterer Menschen ohne Wohnung.
Das Frankfurter Straßenmagazin hat einen Kältebus organisiert, der nachts unterwegs ist. «Wir bringen warme Getränke, Schlafsäcke und im Notfall auch Menschen in Unterkünfte», erklärt Koordinatorin Sabine Hellmann. Oft ist es diese aufsuchende Hilfe, die Leben rettet.
Die Krise auf der Straße spiegelt gesellschaftliche Brüche. Steigende Mieten, psychische Erkrankungen und fehlendes bezahlbares Wohnraumangebot führen Menschen in die Obdachlosigkeit. Jeder von ihnen hat eine Geschichte. Und jeder von uns könnte näher an diesem Schicksal sein, als wir denken.