Der niedrigste Wasserstand an Teilen der deutschen Ostseeküste seit mindestens 100 Jahren sorgt für Aufsehen. Wo sonst Boote schaukeln, liegt jetzt Meeresboden frei. In den Häfen von Kiel, Flensburg und Lübeck stehen Stege auf dem Trockenen. In Teilen der Kieler Förde ist der Wasserstand um bis zu 1,5 Meter unter Normal gefallen – ein Wert, der zuletzt 1924 gemessen wurde, wie das Bundesamt für Seeschifffahrt meldet.
«So etwas habe ich in meinen 25 Jahren als Hafenmeister noch nicht erlebt», sagt Peter Schmidtke aus Travemünde. «Selbst unsere großen Fährschiffe müssen teilweise ihre Fahrpläne anpassen.»
Der extreme Niedrigwasserstand wird durch anhaltende Ostwinde verursacht. Diese drücken das Wasser regelrecht aus der westlichen Ostsee hinaus. Gleichzeitig verstärkt ein stabiles Hochdruckgebiet über Skandinavien diesen Effekt. Meteorologen sprechen von einer «negativen Sturmflut» – ein Phänomen, das seltener auftritt als die bekannteren Hochwasser-Sturmfluten an der Nordsee.
Für Hafenbetriebe und die Küstenschifffahrt bedeutet dies erhebliche Einschränkungen. Während meines Besuchs in Kiel gestern beobachtete ich, wie Fischer ihre Boote an Land lassen mussten. Touristen machten derweil aus der Not eine Tugend und erkundeten zu Fuß sonst unzugängliche Küstenabschnitte.
Für die Küstenökosysteme hat das Phänomen zweigeteilte Folgen. «Kurzfristig leiden Muscheln und festsitzende Organismen unter der Austrocknung», erklärt Meeresbiologin Dr. Hannah Wendt vom Institut für Ostseeforschung. «Langfristig kann die Durchlüftung des Meeresbodens aber auch positive Effekte haben.»
Experten erwarten eine langsame Normalisierung in den kommenden Tagen. Die Wettervorhersage deutet auf nachlassende Ostwinde hin. Für die Küstenbewohner bleibt dieser Oktober jedoch als Zeit der «trockenen Ostsee» in Erinnerung – ein Extremereignis, das uns vor Augen führt, wie dynamisch unser vermeintlich stabiles Meer tatsächlich ist.