In Thüringen fordert Ministerpräsident Bodo Ramelow eine grundlegende Reform der Pflegeversicherung. Der Linken-Politiker spricht sich für eine Pflegevollversicherung aus, die alle Kosten übernimmt – statt wie bisher nur einen Teil. «Wenn wir die Pflege nicht neu denken, steuern wir auf eine gesellschaftliche Katastrophe zu», sagte Ramelow im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Aktuell müssen Pflegebedürftige im Schnitt 2.400 Euro monatlich selbst tragen.
Die steigenden Kosten überfordern immer mehr Familien. Seit Jahren wächst der Eigenanteil, den Betroffene zahlen müssen. Allein im letzten Jahr stiegen die Kosten um 8,1 Prozent. «Mich erreichen wöchentlich verzweifelte Briefe von Menschen, die ihre Angehörigen pflegen und finanziell am Ende sind», berichtet Ramelow aus seiner Erfahrung als Ministerpräsident.
Die Idee einer Vollversicherung findet auch bei anderen Landesregierungen Anklang. Hamburgs Gesundheitssenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD) unterstützt den Vorschlag: «Pflege darf kein Armutsrisiko sein.» Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung schätzen die Kosten für eine solche Reform auf rund 25 Milliarden Euro jährlich.
Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, sieht jedoch Finanzierungsprobleme: «Eine Vollversicherung wäre wünschenswert, aber in der aktuellen Haushaltslage schwer umsetzbar.» Er schlägt stattdessen eine schrittweise Reform vor.
Als ich kürzlich ein Pflegeheim in Erfurt besuchte, erzählte mir eine Pflegerin: «Die Menschen hier haben ihr Leben lang gearbeitet und müssen jetzt trotzdem jeden Euro umdrehen.» Diese Ungerechtigkeit beschäftigt mich seither.
Die Debatte gewinnt an Dringlichkeit, da die Zahl der Pflegebedürftigen laut Statistischem Bundesamt bis 2055 von derzeit 5,1 auf 6,8 Millionen steigen wird. Ob Bund und Länder sich auf eine große Reform einigen können, bleibt offen. Klar ist: Ohne Veränderungen droht vielen älteren Menschen die Altersarmut. Und die Frage, wer uns im Alter pflegen wird, betrifft letztlich uns alle.