In einem kleinen Callcenter am Rande Berlins sitzt Marie S., 32, seit sieben Jahren auf befristeten Verträgen. «Jeden Monat diese Ungewissheit – das zermürbt mich«, erzählt sie mir bei unserem Gespräch. Ihr Fall steht beispielhaft für ein wachsendes Problem: Nach Angaben der Bundespsychotherapeutenkammer haben arbeitsbedingte psychische Erkrankungen in Deutschland seit 2010 um fast 40 Prozent zugenommen. Besonders betroffen sind Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen – ein Problem, das ich während meiner Recherchen in verschiedenen europäischen Ländern in unterschiedlichen Ausprägungen beobachten konnte.
Die Mechanismen dahinter sind vielschichtig. Dr. Claudia Meier vom Institut für Arbeitsmedizin in Hamburg erklärt: «Befristete Verträge, ständige Erreichbarkeit und fehlende Planungssicherheit führen zu chronischem Stress, der langfristig das Immunsystem schwächt und Depressionen begünstigt.» Hinzu kommt die soziale Dimension: Wer in unsicheren Arbeitsverhältnissen steckt, kann selten langfristige private Entscheidungen treffen – vom Hauskauf bis zur Familienplanung bleibt vieles in der Schwebe.
Ein besonders problematischer Aspekt ist die Stigmatisierung. «Viele meiner Patienten trauen sich nicht, ihre psychischen Probleme am Arbeitsplatz anzusprechen«, berichtet Psychotherapeutin Sabine Weber. «Sie fürchten, als schwach zu gelten oder ihren Job zu verlieren.» Diese Angst ist nicht unbegründet – eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass befristet Beschäftigte seltener krankgeschrieben werden, obwohl sie häufiger gesundheitliche Probleme haben. Man schleppt sich krank zur Arbeit, ein Phänomen, das Mediziner als «Präsentismus» bezeichnen.
Die Parallelen zur Finanzkrise 2008 sind auffällig. Damals stieg die Rate psychischer Erkrankungen in Ländern mit starken sozialen Einschnitten deutlich an. Die WHO warnt inzwischen vor einem ähnlichen Effekt durch die Zunahme prekärer Beschäftigung nach der Corona-Pandemie.
Was kann getan werden? Der Betriebsrat eines mittelständischen Unternehmens in München hat ein Modell entwickelt, das zeigt, wie es anders gehen könnte: Planungssicherheit durch transparente Vertragsverlängerungen und ein betriebliches Gesundheitsmanagement, das psychische Gesundheit explizit einschließt. Doch solche Initiativen bleiben Ausnahmen. Die großen Fragen nach einer menschenwürdigen Arbeitswelt, die nicht auf Kosten der psychischen Gesundheit geht, sind politisch noch unbeantwortet. Während Fachleute über Lösungen diskutieren, warten Menschen wie Marie weiterhin jeden Monat bang auf die Verlängerung ihres Vertrags – ein Zustand, der selbst zur Krankheit werden kann.