Die Bundeswehr gewinnt wieder an Bedeutung in unserer Gesellschaft – das spüre ich deutlich auf meinen Recherchereisen durch Norddeutschland. In Hamburg und Schleswig-Holstein verzeichnen die Reservistenverbände einen spürbaren Zulauf. Allein in den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl der Reservisten im Norden um rund 15 Prozent gestiegen, wie mir der Landesgeschäftsführer des Reservistenverbandes Hamburg bestätigte.
«Die veränderte Sicherheitslage in Europa bewegt die Menschen», erklärt Hans Jürgen Schmidt, Vorsitzender der Reservistenkameradschaft Hamburg-Wandsbek. Bei den Infoveranstaltungen kommen inzwischen dreimal so viele Interessierte wie noch vor dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine.
Die Motive der Bürgerinnen und Bürger sind vielfältig. Während manche vom Gedanken der Landesverteidigung angetrieben werden, suchen andere vor allem Gemeinschaft und sinnvolle Freizeitgestaltung. «Viele wollen einfach wissen, was sie im Ernstfall tun können», sagt eine 34-jährige Reservistin aus Kiel, die erst kürzlich beigetreten ist.
Bei meinem Besuch einer Übung in Neumünster wurde deutlich: Die Altersstruktur hat sich verändert. Waren es früher vor allem ältere ehemalige Wehrdienstleistende, kommen heute vermehrt jüngere Menschen – darunter auch solche ohne militärischen Hintergrund.
Die Verbände reagieren mit neuen Angeboten: von klassischer militärischer Ausbildung bis hin zu Kursen in Katastrophenschutz und Cybersicherheit. «Wir verstehen uns heute breiter als Teil der gesamtgesellschaftlichen Sicherheitsvorsorge», betont Schmidt.
Was mich besonders nachdenklich stimmt: In Hamburg-Harburg erzählte mir ein Ausbilder, dass viele Neulinge anfangs unrealistische Vorstellungen vom Dienst hätten. «Das ist kein Abenteuerurlaub», mahnt er. «Wir müssen manchmal die Balance finden zwischen Begeisterung wecken und Realismus vermitteln.»
Die Entwicklung zeigt, wie sehr die sicherheitspolitische Lage in den Alltag der Menschen im Norden hineinreicht. Die Frage bleibt: Wird dieser Trend anhalten oder handelt es sich um eine vorübergehende Reaktion auf aktuelle Krisen?