In den kleinen Kinderkliniken Norddeutschlands zeigt sich ein beunruhigendes Muster. Die Rotavirus-Infektionen sind in Hamburg und Schleswig-Holstein drastisch angestiegen – nach Angaben des Robert Koch-Instituts um fast 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Während ich vergangene Woche die Kinderstation des Universitätsklinikums Kiel besuchte, erzählte mir Oberärztin Dr. Martina Weber von überfüllten Isolierzimmern und erschöpften Eltern. «Was wir jetzt sehen, ist der Nachholeffekt nach den Pandemiejahren.»
Die Situation erinnert an die Welle von RSV-Infektionen im Winter 2022. Durch Masken und Kontaktbeschränkungen wurden Kleinkinder weniger mit alltäglichen Erregern konfrontiert – ihr Immunsystem blieb untrainiert. Dr. Thomas Breuer vom Landesgesundheitsamt spricht von einem «immunologischen Gedächtnisverlust» in der Bevölkerung. Besonders besorgniserregend: Nicht nur die Fallzahlen steigen, sondern auch die Schwere der Verläufe.
Die Virus-Durchfallerkrankung trifft hauptsächlich Kinder unter fünf Jahren und führt zu schweren Dehydrierungen. In der Klinik Itzehoe mussten allein im März 27 Kleinkinder stationär aufgenommen werden – dreimal so viele wie im Vorjahresmonat. Die Schutzimpfung gegen Rotaviren, seit 2013 von der STIKO empfohlen, wird noch immer nur von etwa 65 Prozent der Eltern wahrgenommen. «Viele unterschätzen die Gefahr dieser vermeintlich harmlosen Magen-Darm-Infektion», erklärt Kinder-Infektiologe Prof. Steinmann aus Lübeck.
Was mir bei meinen Gesprächen mit betroffenen Familien auffällt: Die Erschöpfung nach durchgemachter Infektion hält oft wochenlang an. Hier zeigt sich die Schnittstelle zwischen individueller Gesundheit und gesellschaftlicher Verantwortung. Die Frage bleibt: Werden wir aus der Pandemie-Erfahrung lernen und Präventionsmaßnahmen wie Impfungen und Hygienebewusstsein stärker in unseren Alltag integrieren? Für die kleinen Patienten in Norddeutschland könnte dies den entscheidenden Unterschied machen.