In den Gängen des Berliner Charité-Krankenhauses stellt sich täglich eine Frage, die keiner gerne beantwortet: Wie viel ist ein Menschenleben wert? Diese Frage hat nun der bekannte Virologe Hendrik Streeck aufgegriffen und damit eine hitzige Diskussion entfacht. In einem Interview mit dem Tagesspiegel hinterfragte er kritisch die Ausgaben für sehr teure Medikamente bei hochaltrigen Menschen. «Manchmal muss man auch schwierige Fragen stellen dürfen», sagte er. Und schwierig ist diese Frage zweifelsohne.
Als ich vor Jahren über die Gesundheitssysteme in Osteuropa berichtete, begegnete mir dieses ethische Dilemma bereits in seiner rauesten Form. In Ländern mit begrenzten Ressourcen waren die Entscheidungen über Behandlungspriorisierung oft brutal offen. Hier in Deutschland verpacken wir die gleiche Problematik in komplizierte Kosteneffektivitätsanalysen und bürokratische Verfahren.
Streeck trifft einen wunden Punkt: Allein die onkologischen Therapien haben sich preislich vervielfacht. Ein einziger Behandlungszyklus kann heute mehrere hunderttausend Euro kosten. «Wir müssen uns fragen, ob eine Gesellschaft bereit ist, jeden Preis zu zahlen, oder ob wir Grenzen definieren müssen», erklärt Professor Reinhard Busse von der TU Berlin, Experte für Gesundheitsökonomie.
Was in dieser Debatte oft untergeht: Es geht nicht um ein «entweder-oder», sondern um eine Abwägung zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Werten. Die deutsche Rechtsprechung hat wiederholt betont, dass die Menschenwürde keinen Preisvergleich kennt. Gleichzeitig ist unser Gesundheitssystem auf Solidarität und Nachhaltigkeit angewiesen.
Die meisten Ärzte, mit denen ich spreche, fühlen sich bei diesem Thema sichtlich unwohl. Dr. Maria Weiland, Geriaterin in München, bringt es auf den Punkt: «Wir behandeln Menschen, nicht Zahlen. Aber wir spüren den Kostendruck im Alltag, besonders wenn wir innovative Therapien verschreiben wollen.»
Was oft vergessen wird: Die Niederlande und Schweden haben bereits explizite Schwellenwerte für die Kosteneffektivität von Therapien. Vielleicht brauchen wir in Deutschland mehr Mut, diese Diskussion ehrlich zu führen – ohne dabei die Menschenwürde aus den Augen zu verlieren. Denn am Ende geht es um eine Frage, die wir als Gesellschaft beantworten müssen, nicht einzelne Ärzte am Krankenbett.