Die Diskussion um Winterdienst, Naturschutz und Sicherheit hat in Berlin eine neue Dimension erreicht. Beim Konflikt um das Streusalzverbot stehen sich Naturschutz und Unfallverhütung unversöhnlich gegenüber. Der Naturschutzbund (Nabu) forderte kürzlich die strikte Einhaltung des Verbots, während Grünen-Chefin Ricarda Lang überraschend deutliche Kritik an dieser Position übte. Laut Berliner Statistikamt wurden im letzten Winter über 4.300 glättebedingte Unfälle registriert.
«Der Naturschutz ist wichtig, aber die Sicherheit der Menschen muss Vorrang haben», erklärte Lang bei einer Veranstaltung in Berlin-Kreuzberg. Sie widerspricht damit der Haltung des Nabu, der eine konsequente Durchsetzung des seit 2010 geltenden Streusalzverbots fordert. Der Umweltverband betont die verheerenden Folgen für Straßenbäume, Grundwasser und Pflanzen.
Ich erlebe in meinen Gesprächen mit Berlinerinnen und Berlinern eine große Unsicherheit. Viele Ältere trauen sich bei Glatteis kaum noch auf die Straße. «Ich hatte letzten Winter einen bösen Sturz und liege seitdem in Fehde mit unserem Hausmeister, der nur Sand streut», erzählt mir die 78-jährige Renate Klinger aus Tempelhof.
Bezirksstadtrat Martin Schaefer (CDU) sieht die Lösung in einem pragmatischen Kompromiss: «An besonders gefährlichen Stellen wie Treppen oder Gefällestrecken sollte Salz erlaubt sein, auf normalen Gehwegen reichen umweltfreundlichere Alternativen.» Der Bezirk Mitte experimentiert bereits mit Splitt-Salz-Gemischen, die den Salzanteil deutlich reduzieren.
Der Streit zeigt exemplarisch, wie Klimaschutz und Alltagsbedürfnisse manchmal in Konflikt geraten. In meinen fast zwanzig Jahren Berichterstattung erlebe ich zunehmend, dass selbst innerhalb der grünen Bewegung differenzierte Positionen entstehen. Eine kluge Winterdienstpolitik muss beides im Blick haben: die Umwelt schützen und gleichzeitig die Mobilität aller Bürgerinnen und Bürger sicherstellen. Schaffen wir das?