Erstaunlich, wie schnell sich die Erwartungshaltung beim VfB Stuttgart verschoben hat. Nach dem überragenden 2:0-Sieg in der Champions League gegen Juventus Turin sollte der Bundesliga-Alltag gegen Union Berlin eigentlich zur Formsache werden. Doch am Ende stand ein 0:0, das die 60.000 Zuschauer in der ausverkauften MHP Arena mit gemischten Gefühlen zurückließ. War das nun ein ärgerlicher Punktverlust oder ein weiterer Beweis für die defensive Stabilität der Schwaben?
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Mit 70 Prozent Ballbesitz und 17:4 Torschüssen dominierte der VfB das Spielgeschehen klar. Besonders Chris Führich wirbelte auf der linken Seite und stellte die Köpenicker Abwehr immer wieder vor Probleme. «Wir haben heute alles reingeworfen, aber der Ball wollte einfach nicht rein», erklärte Führich nach dem Spiel. «Manchmal fehlt eben das letzte Quäntchen Glück im Abschluss.»
Was auffällt: Die Stuttgarter zeigen sich nach dem Abgang ihrer Toptorjäger Serhou Guirassy und Silas erstaunlich variabel in der Offensive. Trainer Sebastian Hoeneß hat es geschafft, die Torverantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen. Dennoch fehlte gegen die tief stehenden Berliner die letzte Durchschlagskraft. «Union hat es clever gemacht und uns den Raum genommen», analysierte VfB-Sportdirektor Fabian Wohlgemuth. «Dass wir trotzdem so viele Chancen kreiert haben, spricht für die Entwicklung unserer Mannschaft.»
Interessant dabei: Die Stuttgarter spielen mittlerweile mit einer solchen Selbstverständlichkeit auf hohem Niveau, dass ein 0:0 gegen Union Berlin fast schon wie ein kleiner Rückschlag wirkt. Vor zwei Jahren hätte man dieses Ergebnis noch bejubelt. Heute steht der VfB in der Bundesliga-Tabelle zwar weiter auf Platz drei, doch die Ansprüche sind gewachsen. Die entscheidende Frage für die kommenden Wochen: Kann das Team den Spagat zwischen Champions League und Bundesliga langfristig meistern, oder war das Unentschieden gegen Union bereits ein erstes Anzeichen für die Belastungsgrenze?