In Berlin wächst die Zahl der jungen Menschen, die den Wehrdienst verweigern möchten – obwohl die Wehrpflicht aktuell ausgesetzt ist. Nach Angaben des Bundesamts für Familie wurden bereits über 1.200 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung seit Jahresbeginn gestellt, was einen Anstieg von fast 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr darstellt.
Diese Entwicklung spiegelt die wachsende Verunsicherung vieler junger Deutscher wider. «Die Menschen reagieren auf die geopolitische Lage und die öffentliche Diskussion um eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht», erklärt Dr. Sabine Müller vom Institut für Friedensforschung in Hamburg. Besonders auffällig: Fast 70 Prozent der Antragsteller sind unter 25 Jahre alt.
Während meiner Recherchen in München sprach ich mit dem 19-jährigen Lukas, der seinen Antrag vorsorglich stellte: «Ich will nicht in einen Krieg ziehen müssen, falls die Wehrpflicht zurückkehrt.» Seine Sorge teilen viele. Der Verteidigungsexperte Thomas Klein betont jedoch: «Ein Antrag jetzt ist rechtlich gesehen nur eine Vorsorge – bindend wird er erst bei tatsächlicher Einberufung.»
Die Bundesregierung hält sich derweil bedeckt. Verteidigungsminister Pistorius spricht von «Optionen», während das Ministerium auf Anfrage mitteilt: «Derzeit ist keine unmittelbare Wiedereinführung der Wehrpflicht geplant.» In Baden-Württemberg beobachte ich seit Jahren, wie solche Debatten die Menschen polarisieren.
Die aktuelle Entwicklung zeigt, wie tief der Frieden in unserer Gesellschaft verankert ist. Gleichzeitig wächst die Erkenntnis, dass Sicherheit nicht selbstverständlich ist. Die Frage bleibt: Wie bereitet sich Deutschland auf eine veränderte Sicherheitslage vor, ohne den gesellschaftlichen Konsens zu gefährden? Die steigenden Verweigererzahlen sind jedenfalls ein deutliches Signal an die Politik.