Es war dieser Abend, an dem der Himmel sein wahres Gesicht zeigte. In Wetzlar-Münchholzhausen hört man noch immer das Rattern der Kehrmaschinen, während Anwohner wie Hartmut Weil von einem lauten Rauschen berichten, das plötzlich in ein bedrohliches Pfeifen überging. Gegen 21 Uhr, stockdunkel, wirbelte eine schwere Bitumenbahn wie ein Blatt durch seinen Garten. Mehr als zwölf Stunden später steht er bei strahlendem Sonnenschein neben dem teerschwarzen Haufen und weiß: Er hatte Glück.
Sein Haus, quasi im Epizentrum, blieb verschont. Nur wenige Meter weiter fehlt dem Nachbarn das halbe Dach. Ein ganzes Trampolin wanderte von einem Garten in den nächsten, Zäune samt Betonverankerung wurden aus der Erde gerissen. Die Feuerwehr zählt 60 beschädigte Häuser; sechs mussten statisch gesichert werden. „Meine Frau hat dann hier das Dach auf uns zukommen sehen“, erzählt ein Anwohner, der unerkannt bleiben will. Beide hätten die Luft angehalten und gehofft, dass es nicht einschlägt. Sein Tor ist kaputt, überall liegen Scherben von Dachziegeln.
Dachdecker Marvin Watzel aus Greifenstein kann kaum priorisieren. „Wer zuerst angerufen hat, kommt zuerst,” sagt er, während er auf einem Autohausdach arbeitet. Das Telefon steht nicht mehr still. Manche Dächer sind nur notdürftig mit Planen abgedeckt, an anderen klaffen Löcher. Zwischen den Trümmern verlegen Arbeiter Glasfaser, als wäre nichts geschehen. Im Westen des Örtchens blieb es fast heil, im Osten laufen bereits die Versicherungsgutachter mit ihren Klemmbrettern von Haus zu Haus. Die Schadenssumme? Sie reicht von einer niedrigen fünfstelligen Zahl bis in die Millionen, heißt es. Genaues weiß noch niemand.
Meteorologen ordnen ein: Die Region Lahntal liegt in einer Art „Tornadoallee“. Zwischen Wetzlar, Gießen und dem Vogelsberg drehen sich alle ein bis zwei Jahre solche Luftwirbel. Wenn Gewitter von Westen nach Osten über das Tal ziehen, bekommt die Wolke manchmal diesen „Kick“ – und beginnt, sich zu drehen. Für Hartmut Weil ist am Ende nur eines wichtig: „Dass niemand von Ziegeln oder Dachpappe getroffen wurde. Das ist doch das Wichtigste.” Die Aufräumarbeiten werden noch Tage dauern, aber der Schock sitzt tiefer. Wenn der Himmel wieder dunkel wird, werden viele hier heute Abend wohl etwas genauer nach oben schauen.
- Die Region wurde von einer schweren Naturkatastrophe getroffen
- 60 Häuser wurden beschädigt
- Sechs Häuser mussten statisch gesichert werden
- Dachdecker kämpfen mit einer hohen Nachfrage
- Schaden schätzt von niedrigen fünfstelligen bis millionenschweren Beträgen
- Meteorologen bestätigen eine Tornadoallee in der Region
| Schadenstyp | Anzahl der betroffenen Häuser |
|---|---|
| Leichte Schäden | 54 |
| Schwere Schäden | 6 |
| Häuser in gutem Zustand | 1 |