Als ich diese Woche in den einschlägigen Fachzeitschriften blätterte, stolperte ich fast über die Nachricht. Es geht um Sparpläne, um 450 Millionen Euro jährlich. Und um eine der häufigsten Krebsarten in Deutschland. Die Idee: Das Hautkrebs-Screening für Gesetzlich Versicherte abschaffen. Mich erinnert das an Debatten aus meiner Zeit in Osteuropa, wo oft über die richtige Allokation knapper Gesundheitsressourcen gestritten wurde – nur mit viel dramatischeren Konsequenzen.
Die Zahlen sind eindeutig: Bis zu 380.000 Menschen erkranken hierzulande jährlich neu an Hautkrebs. Die Fallzahlen steigen seit Jahrzehnten, eine Spätfolge des sorglosen Umgangs mit der Sonne in den 80ern und 90ern. In der Praxis von Hautarzt Michael Mensing im Odenwald ist das kein abstrakter Wert. Mit seinem Auflichtmikroskop untersucht er jährlich rund 2.000 Patienten von Kopf bis Fuß. Bei etwa fünf Prozent, so sagt er mir, findet er Hautkrebs oder dessen Vorstufen. „Die Nachfrage ist enorm hoch“, berichtet Mensing. Für ihn ist klar: Das seit 2008 etablierte Screening senkt die Hemmschwelle und rettet Leben.
Doch genau hier setzt der Vorschlag der sogenannten Finanzkommission Gesundheit an, ein Gremium aus Experten, das die Bundesregierung um Sparvorschläge gebeten hat. Ihr stellvertretender Vorsitzender, Professor Ferdinand Gerlach, bringt es auf einen pointierten Nenner: „Wir sind das einzige Land, das ein Hautkrebs-Screening bei gesunden Erwachsenen ohne Symptome durchführt.“ Das vernichtende Urteil der Kommission: Das flächendeckende Screening habe die Sterblichkeit seit seiner Einführung nicht gesenkt. Ein klarer Unterschied also zu Programmen wie der Mammographie oder der Darmkrebsvorsorge, deren Wirksamkeit besser belegt ist.
Die Argumentation geht weiter ins Detail. Gerlach rechnet vor, dass für das Screening bundesweit zwischen 600 und 900 Haus- und Hautärzte in Vollzeit gebunden seien. Das sind Kapazitäten, die in der gleichen Zeit für die Behandlung bereits erkrankter Patienten fehlen – und so, folgert er, mit zu den langen Wartezeiten in den Praxen beitragen. Die Kommission schlägt stattdessen ein risikobasiertes Modell vor. Also keine Gießkannen-Untersuchung für alle über 35-Jährigen alle zwei Jahre mehr, sondern gezielte Einladungen an jene mit hellem Hauttyp, vielen Muttermalen oder einer familiären Vorbelastung.
Dieser Logik widerspricht Professor Dirk Schadendorf, Direktor der Hautklinik am Universitätsklinikum Essen, vehement. Im Gespräch mit mir betont er, dass die Einführung des Screenings 2008 auf einer großen, evidenzbasierten Feldstudie in Schleswig-Holstein fußte. Damals sank die Mortalität tatsächlich. Das Problem, so Schadendorf, sei nicht das Prinzip, sondern die mangelnde Qualitätssicherung in der Umsetzung. Die Kassenleistung schreibe nicht vor, mit welcher Methode gescreent werden muss. Die Bandbreite reiche vom bloßen Augenschein des Hausarztes bis zum hochmodernen Ganzkörperscanner mit KI-Unterstützung in spezialisierten Zentren.
Hier schließt sich für mich der Kreis zu meinen Beobachtungen in anderen Gesundheitssystemen. Es geht immer um die Abwägung zwischen Breitenwirkung und gezielter Effizienz. Schadendorf plädiert dafür, das Screening nicht zu streichen, sondern endlich zu verbessern: mit verbindlichen Qualitätsstandards, einer einheitlichen Dokumentation und eben jener risikoadaptierten Einladungspraxis, die auch die Kommission langfristig will. Sein ökonomisches Argument wiegt schwer: Die Entfernung eines frühen Hauttumors kostet vergleichsweise wenig. Hat das Melanom jedoch erst gestreut, können allein die Kosten für eine moderne Immuntherapie schnell 100.000 Euro pro Jahr und Patient überschreiten.
Die Debatte offenbart einen grundlegenden Konflikt, den ich in ähnlicher Form auch in internationalen Krisen beobachte. Wie viel Prävention ist eine Gesellschaft bereit zu finanzieren, auch wenn der unmittelbare Nutzen schwer in Zahlen zu fassen ist? Die Antwort auf die Frage, ob das Screening bleibt, wird mehr verraten über unseren Umgang mit Gesundheit, als nur über unseren Umgang mit Geld. Sie wird zeigen, ob wir bereit sind, in die langfristige Gesundheit der Bevölkerung zu investieren, oder ob wir kurzfristige Budgetziele höher gewichten. Die Patienten in den Wartezimmern – und die Ärzte an ihren Mikroskopen – warten auf eine Entscheidung, die weit mehr ist als nur eine Haushaltskorrektur.