Als Dieter Reicherter an einem Donnerstag im September 2010 in seinem Lieblingsplattenladen am Stuttgarter Charlottenplatz kruschtelt, ist er frisch pensioniert. Der Vorsitzende Richter am Stuttgarter Landgericht a.D. und begeisterte Musikfan freut sich darauf, endlich seine Sammlung zu katalogisieren: über 30.000 Singles, Zehntausende Langspielplatten, CDs, Videos und Musikbücher. Dann hört er von dem Großeinsatz im Schlossgarten hinter dem Bahnhof, dass Polizei und Demonstranten aufeinandertreffen. „Das hörte sich nach Chaos an. Ich hatte noch Zeit und dachte, ich schaue mal, was da los ist“, erzählt Reicherter. Es war die erste Demo seines Lebens.
Mehr als ein Jahrzehnt ist das nun her. In Stuttgart wurde gebaggert, gebohrt, gestritten und gebaut. Wer heute durch die Innenstadt geht, sieht die gewaltigen Stahlbeton-Schächte, die wie offene Wunden wirken – oder wie das Fundament einer neuen Stadt, je nachdem, wen man fragt. Das Projekt, das die Republik spaltet und die Landeshauptstadt prägt, geht seinem geplanten Abschluss 2025 entgegen. Doch für Männer wie Dieter Reicherter ist es längst mehr als ein Bahnhofsbau. Es wurde zur Lebensaufgabe.
Reicherter ist kein Lautsprecher, kein typischer Demoredner. Er ist der, der zuhört. Der, der Protokolle führt und Briefe schreibt, in denen er penibel auf Paragraphen verweist. Seine Waffe ist nicht das Megafon, sondern die Aktennotiz. Als Richter war er es gewohnt, Fakten abzuwägen. Genau das tat er auch bei Stuttgart 21. „Ich bin nicht mit einer fertigen Meinung hingegangen“, sagt er heute. „Aber was ich sah, war der Einsatz von Gewalt gegen friedliche Menschen. Das war für mich, als Jurist und Bürger, nicht mehr hinnehmbar.“
Aus dem neugierigen Rentner wurde ein Gründungsmitglied der „Arbeitsgruppe Justiz“ innerhalb des Aktionsbündnisses, eine Instanz für rechtliche Fragen rund um den Protest.
- Still und hartnäckig aktiv
- Weiterführende Recherche zu Gutachten
- Prüfung von Baugenehmigungen
- Stellung unbequemer Fragen zu Kosten
- Beweise statt Emotionen
- Archiv voller Dokumente zum Großprojekt
Für mich, die ich seit Jahren aus Stuttgart berichte, steht Reicherter für eine oft überseene Seite des Protests: die der bedächtigen, in der Sache verankerten Bürger, die nicht aus Ideologie, sondern aus Verantwortung handeln. Sie sind das Rückgrat einer Bewegung, die sonst vielleicht längst verhallt wäre. Sie halten die Erinnerung wach – an die versprochene Transparenz, die nicht eingehalten wurde, an den „Schwarzen Donnerstag“ mit seinen Wasserwerfern.
Was bleibt, wenn 2025 die ersten Züge rollen? Ein moderner Bahnhof, sicher. Aber auch eine tiefe Verunsicherung. Viele Stuttgarter fragen sich heute bei neuen Plänen der Stadt sofort: Wird uns wieder etwas übergestülpt? Dieses Misstrauen ist vielleicht die nachhaltigste Wirkung des Konflikts.
Dieter Reicherter wird dann wohl wieder in seinem Plattenladen stehen. Aber er wird genau hinschauen. Und das ist gut so. Denn eine Demokratie lebt nicht von Baustellen, sondern von Menschen, die hinsehen, wenn es kracht.
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Projekt | Stuttgart 21 |
| Geplantes Abschlussjahr | 2025 |
| Anzahl der Singles | Über 30.000 |
| Rolle von Dieter Reicherter | Gründungsmitglied der „Arbeitsgruppe Justiz“ |
| Hauptanliegen | Rechtliche Fragen und Bürgerrechte |
| Art des Aktivismus | Still und faktengestützt |