Die deutschen Gasspeicher sind gerade mal etwa zur Hälfte gefüllt – und das mitten im Sommer. Aus dem Bundeswirtschaftsministerium in Berlin heißt es zwar, man beobachte die Lage genau und die oberste Priorität sei die Versorgungssicherheit für den Winter. Aber die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Vor einem Jahr, am 17. August, waren die Speicher zu knapp 67 Prozent voll. Heute sind es nur noch etwas über 50 Prozent. Eine Sprecherin des Ministeriums räumt ein, die Füllung sei „sehr gering“ und appelliert an die Verantwortung der Händler. Das hat einen einfachen Grund: Die Preise sind hoch.
Weil der Iran-Krieg den Schiffsverkehr durch die strategisch wichtige Straße von Hormus behindert, wird der internationale Transport von Energie teurer. Der Preis für europäisches Erdgas erreichte am Mittwoch mit 64,60 Euro je Megawattstunde den höchsten Stand seit Mitte März. Für Händler, die normalerweise jetzt im Sommer günstig einkaufen, um im Winter zu liefern, ist das ein Problem. Netzagentur-Chef Klaus Müller nimmt sie deshalb in die Pflicht: „Es ist ausreichend Gas verfügbar. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Gashändler seinen Kunden erklären möchte, dass es im Winter nicht genug Gas gibt, weil er nicht ausreichend vorgesorgt hat.“
Die gesetzliche Vorgabe ist klar: Bis zum 1. November müssen die Speicher zu 80 Prozent gefüllt sein. Doch der Branchenverband FNB-Gas warnt, selbst bei Rekord-Einspeicherraten sei dieses Ziel kaum noch zu erreichen. Das erinnert mich an die angespannten Diskussionen im Frühjahr 2022, als nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine plötzlich klar wurde, wie abhängig wir waren. Damals wurden die Füllstandsvorgaben eingeführt – eine Reaktion auf eine tiefe Verunsicherung.
Heute argumentiert das Ministerium, die Lieferketten seien diversifiziert. Fast die Hälfte des Bedarfs komme aus Norwegen, dazu Gas aus Frankreich, Belgien und als Flüssiggas (LNG) vor allem aus den USA. Eine strategische Gasreserve ist geplant, doch die Finanzierung steht noch in den Sternen. Die Opposition sieht das kritisch. Der energiepolitische Sprecher der Linken, Jörg Cezanne, wirft Ministerin Reiche vor, mit der sicheren Versorgung zu pokern: „In einer derart unsicheren Weltmarktsituation auf einen milden Winter oder auf funktionierende LNG-Märkte zu bauen, ist ein Poker mit der sicheren Versorgung von Wirtschaft und Bevölkerung.“
Die Frage bleibt: Ist die Versorgung für den kommenden Winter gesichert? Eine klare Antwort darauf gibt das Ministerium nicht. Es verweist auf die Händler. Die wiederum zögern bei den hohen Preisen. Während in den Nachbarländern die Speicher im Schnitt zu über 60 Prozent gefüllt sind, hinken wir in Deutschland hinterher. Das macht mir Sorgen. Wir haben aus der Krise gelernt, dass Vorsorge alles ist. Jetzt kommt es darauf an, ob Appelle reichen oder ob der Markt allein die Lücke füllen kann, bevor es kalt wird.
- Die Speicher sind aktuell zu 50 Prozent gefüllt
- Preise für Gas erreichen höchste Niveau seit März
- Händler zögern bei hohen Preisen
- Lieferketten sind diversifiziert
- Strategische Gasreserve ist geplant
- Gesetzliche Vorgabe: 80 Prozent bis 1. November
| Datum | Speicherfüllung (%) |
|---|---|
| 17. August 2022 | 67 |
| Heute | 50 |
| 1. November 2023 (Ziel) | 80 |