Am Kölner Rudolfplatz gestern Abend. Hunderte junge Menschen, viele mit Sturmhauben, versammeln sich. Sie rufen „Gen Z regelt“. Plötzlich wendet sich der Mob einem kleinen Kamerateam zu. Das Mikrofon, das WELT-Logo darauf, wird erkannt. Was folgt, ist kein friedlicher Protest mehr, sondern gezielte Einschüchterung. „Ihr seid Nazis!“, schreit es aus der Menge. Unser Reporter und sein Kollege werden bedrängt, geschubst, müssen sich in eine Seitenstraße zurückziehen. Die Lage, so sagt er später, konnte jederzeit eskalieren.
Ich bin seit fast zwanzig Jahren in diesem Beruf. Ich war bei Großeinsätzen in Stuttgart, bei Pegida in Dresden. Doch diese gezielte Feindseligkeit gegen Journalisten als Person, als angebliche „Nazis“, hat eine neue Qualität. Es ist nicht mehr nur Wut gegen „die Medien“. Es ist eine Kampfansage an diejenigen, die zuhören und aufzeichnen. An die Grundlage unserer Arbeit.
Ein Polizeisprecher bestätigte mir am Telefon die Vorfälle. Man habe die Lage im Blick gehabt. Doch aus der Ferne betrachtet man eben nur. Vor Ort ist es anders. Da zählt der einzelne Mensch in der Jacke mit dem Senderlogo. Ein Demonstrant, der direkt vor die Kamera trat, sagte sinngemäß: „Ihr lügt doch alle. Eure Bilder lügen.“ Dann kam das Wort „Nazi“. Es fällt immer schneller. Es entwertet nicht nur den schlimmsten Vorwurf, den wir kennen. Es soll jede weitere Diskussion ersticken.
Was bedeutet das für uns alle? Wenn junge Menschen, die für ihre Zukunft auf die Straße gehen, gleichzeitig die freie Berichterstattung attackieren, dann sägen sie an dem Ast, auf dem unsere Demokratie sitzt. Eine Gesellschaft braucht unabhängige Beobachter. Sonst regiert am Ende das Gerücht, die lauteste Behauptung.
Die „Gen Z“ möchte vieles regeln – Klima, Gerechtigkeit, Wohnen. Das verdient Respekt. Aber wer die Pressefreiheit als Hindernis sieht, wer Journalisten als Feinde behandelt, der regelt am Ende nur eines:
- den Raum für Debatten immer kleiner
- die Grundlage unserer Arbeit gefährden
- die Wut gegen „die Medien“ vergrößern
- unabhängige Beobachter unter Druck setzen
- eine offene Gesellschaft gefährden
- Gerüchte und Behauptungen verbreiten
Und das sollte uns alle mehr beunruhigen als ein paar zerwühlte Demobanner.