Es ist ein volles Programm, das die Bundesregierung in dieser Woche in Schloss Neuhardenberg bewältigen will. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) will seine Ministerinnen und Minister auf Tempo trimmen. „Diese historischen Beschlüsse müssen so schnell wie möglich umgesetzt werden“, sagte er der Bild am Sonntag. Gemeint sind die Reformen bei Steuern, Rente, Entbürokratisierung und Digitalisierung, auf die sich die schwarz-rote Koalition vor der Sommerpause verständigt hatte. Merz‘ Botschaft ist klar: Es geht jetzt um Wachstum und Beschäftigung, um eine schnelle Entlastung für Wirtschaft, Handwerk und Mittelstand.
Doch während das Kabinett über wirtschaftliches Tempo nachdenkt, meldet sich bereits der erste Widerstand aus den eigenen Reihen. Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) will sich nicht an den geplanten Einsparungen bei den Rentenansprüchen für pflegende Angehörige beteiligen. „Ich möchte bei pflegenden Angehörigen, bei der Rente, nicht sparen“, sagte Linnemann derselben Zeitung. Er fürchtet, die Gesellschaft würde dadurch „kälter“. Diese deutlichen Worte zeigen: Selbst innerhalb der Regierungsparteien ist der Weg zur Umsetzung der „historischen Beschlüsse“ noch mit etlichen Diskussionen gepflastert. Woher das Geld für Linnemanns Vorstoß kommen soll, wenn nicht aus diesen Kürzungen, ließ er offen – ein klassisches Koalitionsdilemma.
Merz selbst suchte am Wochenende die symbolische Verbindung zwischen Wirtschafts- und Klimapolitik. Sein erster Termin nach dem Urlaub führte ihn in das Waldbrandgebiet Hürtgenwald in der Eifel. „Das ist der Klimawandel“, sagte er dort und wandte sich direkt an „alle Leugner“. Die Bekämpfung der Klimafolgen, so seine Botschaft, ist auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Doch der Empfang war durchwachsen, Buhrufe begleiteten seine Rede. Auf manchen Plakaten stand: „Kommst Du erst jetzt? Zu spät“. Eine Erfahrung, die ich aus vielen Reportagen kenne: Die Betroffenen vor Ort spüren oft eine Distanz zwischen politischen Ankündigungen und ihrer täglichen Realität.
Während Merz und Linnemann die innenpolitischen Themen besetzen, geht es auf europäischer Ebene um eine ganz andere Geldfrage. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) hat gemeinsam mit fünf EU-Kollegen einen neuen Vorstoß für eine Übergewinnsteuer für Ölkonzerne gestartet. Der Brief an die irische Ratspräsidentschaft fordert ein gemeinsames Vorgehen, damit „diejenigen, die von der Krise profitieren, ihren Teil dazu beitragen“. Eine Forderung, die in der Bundesregierung umstritten ist – Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) lehnt sie ab. Andreas Lenz, der wirtschaftspolitische Sprecher der CSU, warnt im Deutschlandfunk sogar vor staatlichen Eingriffen in den Energiemarkt. Diese Spannung zwischen sozialer Abfederung und marktwirtschaftlichen Prinzipien wird die Koalition noch lange beschäftigen.
Und dann ist da noch ein Thema, das unter die Haut geht. Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) treibt eine Grundgesetzänderung zum Schutz queerer Menschen voran. Als Reaktion auf den islamistischen Terroranschlag am Berliner CSD will sie die sexuelle Identität als ausdrückliches Diskriminierungsverbot in Artikel 3 aufnehmen. „Eine Ergänzung des Grundgesetzes würde diese Ankündigung mit Leben füllen“, sagte sie der Rheinischen Post. Hier geht es um mehr als Symbolpolitik – es geht um den grundgesetzlichen Schutz einer Gruppe, die immer wieder Ziel von Hass wird. Ob die Union hier mitspielt, ist noch offen. Aber der Kanzler hat sich nach dem Anschlag persönlich an die Community gewandt.
- Wachstum und Beschäftigung fördern
- Reformen in den Bereichen Steuern und Rente
- Entbürokratisierung und Digitalisierung vorantreiben
- Klimawandel als wirtschaftliche Notwendigkeit anerkennen
- Übergewinnsteuer für Ölkonzerne einführen
- Schutz queerer Menschen im Grundgesetz verankern
Die Kabinettsklausur zeigt also das ganze Spektrum: den Wunsch nach wirtschaftlichem Tempo, die sozialpolitischen Grabenkämpfe, die europäische Suche nach Gerechtigkeit und die grundlegende Frage, wen unser Staat schützen muss. Merz will sein Team „einschwören“. Ob der Schwur hält, wird sich zeigen, wenn aus den Ankündigungen von Neuhardenberg konkrete Gesetze werden müssen.
| Thema | Beteiligte | Anliegen |
|---|---|---|
| Wirtschaftliches Tempo | Friedrich Merz | Wachstum und Beschäftigung |
| Rentenansprüche | Carsten Linnemann | Kein Sparen bei pflegenden Angehörigen |
| Klimawandel | Friedrich Merz | Bekämpfung der Klimafolgen |
| Übergewinnsteuer | Lars Klingbeil | Gemeinsames Vorgehen in der EU |
| Schutz queerer Menschen | Stefanie Hubig | Änderung des Grundgesetzes |